Aus­zeich­nung

Wohnanlage Hessenring, Rüssels­heim am Main

Objekt Wohnanlage Hessenring, Hessenring 16-38, 65428 Rüssels­heim am Main
Bauvorhaben Bauen im Bestand, Neu­bau, Holz­bau
Typologie Wohnen
Architekten

FFM-ARCHITEKTEN. TOVAR + TOVAR PartG mbB, Frank­furt am Main, https://ffm-architekten.de

Bauherrin gewobau Gesellschaft für Wohnen & Bauen Rüssels­heim mbH, Rüssels­heim am Main
Fertigstellung 2025
Aus­zeich­nungen Staats­preis in der Preiskategorie Quar­tiersplanung und Stadtentwicklung, Aus­zeich­nung Vor­bild­licher Bauten im Land Hessen 2026, verliehen vom Land Hessen und der Architekten- und Stadt­planer­kammer Hessen

Beurteilung der Jury

Inmitten eines Stadtquartiers, in dem die erforderliche Sanierung und Nachverdichtung der bestehenden Strukturen aus der Nachkriegsmoderne auch in der umgebenden Nachbarschaft dringend ansteht oder bereits in Angriff genommen wurde, hebt sich das Projekt „Wohnanlage Hessenring“ vorbildlich ab.
Die Wohnanlage entstand, wie das umgebende Quar­tier, in den 1960er-Jahren, um in der Stadt Rüssels­heim Wohnraum zu schaf­fen für die Mit­arbeiter­*innen des Opel-Werks. Als reines Wohngebiet mit großangelegten Straßen für den Individualverkehr und einer räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten ist das gesamte Gebiet geprägt durch ursprünglich meist dreigeschossige Zeilenbauten und wenige punktuelle Wohnhochhäuser mit kaum vorhandener gemeinschaftlicher Infrastruktur. Die linear dazwischenliegenden Freiräume hatten ursprünglich wenig Aufenthaltsqualität, inzwischen hat sich jedoch ein wertvoller Baumbestand zwischen den Baukörpern entwickelt.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie in Zeiten wiederum knappen Wohnraums eine qualitätvolle Nachverdichtung in gewachsenen Strukturen erfolgen kann, ohne maßgeblich neuen Flächenverbrauch. 
Sozialverträglich wurde, um nicht alle Bewohner*innen ausquartieren zu müssen, der bestehende Wohnraum in Etappen vollständig modernisiert und energetisch saniert. Durch die Schließung kaum nutzbarer kleiner Loggien konnten die sehr kleinen Bäder barrierearm umgestaltet werden, ansonsten wurde in die Bestandsstruktur nur sehr sparsam eingegriffen, als Freiraumangebot jedoch allen Wohnungen ein Balkon vorgestellt.
Auf Basis der vorhandenen Typologie wurden Bau­steine zur Erweiterung entwickelt. Die Optimierung des Wohnraumangebotes entstand dabei vor allem über Aufstockungen des Bestandes und serielle Neu­bauten. Dank der Systembauweise dieser neuen „Satellitengebäude“ und ihres relativ kleinen Footprints konnte sensibel auf den wertvollen Baumbestand reagiert werden, die vorher wenig attraktiven Freiräume erhielten durch die Setzung zusätzliche räumliche Qualität. Mäandernde Erschließungswege stehen dabei bewusst im Kontrast zur linearen Ordnung der Gebäude. Auf eine Feuerwehrbefahrung kann dank des jeweiligen zweiten Rettungsweges verzichtet werden. Die verbleibenden, zwar kleineren Freiräume werden durch attraktive Spiel- und Aufenthalts­angebote bewusster genutzt.
Die baulichen Ergänzungen lassen sich als reine Holz­bauten gegenüber dem verputzten Bestand klar ablesen. Der Altbestand profitiert von der barrierefreien Erschließung der Satellitengebäude über verbindende, barrierefreie Erschließungskerne, die jeweils auch ein Treppenhaus des Altbestands und den Laubengang der Aufstockung anbinden.
Bezüglich der Klimaneutralität wurden Konstruktion und Fassaden der Neu­bauten aus nachwachsenden Roh­stoffen erstellt, die Gebäudegruppe wird mit Umsetzung der Maßnahmen insgesamt in Energieeffizienzklasse A eingestuft. Die Neu­bauten erhielten Dachbegrünung und der wertvolle Baumbestand konnte weitgehend erhalten werden.
Bei den neuen, baulichen Ergänzungen wurden vor allem auch andere Wohnungsgrößen geschaf­fen, um die soziale Mischung im Quar­tier zu fördern. Es konnte auch ein Anteil von insgesamt mehr als 40 Prozent barrierefreie Wohnungen entwickelt werden. Auch wurden gegenüber dem Bestand neue Gemein­schaftsflächen geschaf­fen, zum Beispiel für alle zugängliche Dachterrassen auf den Satelliten.
Insgesamt zeigt das Projekt damit vorbildlich, wie eine reine Zeilenwohnbebauung sensibel nachverdichtetet werden und dabei dennoch der wertvolle Baumbestand erhalten bleiben kann.
Die Identität und das soziale Gefüge sowie Möglichkeiten zur ge­meinsamen Aneignung wurden gestärkt und damit ein lebenswertes und nachahmenswertes Modell der Nachverdichtung aufgezeigt.

Ursula Hochrein, Landschafts­architektin, Stadt­planerin, lohrer.hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner gmbh / Jurymitglied