Aus­zeich­nung

Suffizienzhaus U10, Kassel

Objekt Suffizienzhaus U10, Uhlandstraße 10, 34119 Kassel
Bauvorhaben Neu­bau, Holz­bau, Zirkuläres Bauen
Typologie Wohnen
Architekten

foundation 5+ architekten BDA Foitzik Krebs Spies Part mbB, Kassel, www.foundation-kassel.de/Architekten

Bauherrin Baugemeinschaft U10, Kassel
Fertigstellung 2024
Aus­zeich­nungen Staats­preis in der Preiskategorie Archi­tektur, Aus­zeich­nung Vor­bild­licher Bauten im Land Hessen 2026, verliehen vom Land Hessen und der Architekten- und Stadt­planer­kammer Hessen

Beurteilung der Jury

Das Gebäude wurde als „Schlussstein“ des vormaligen Brauereiareals „Martiniquartier“ erstellt, einem vor wenigen Jahren vorbildhaft umgenutzten Innenstadtblock. Der Bau schließt die Lücke dieses Blocks. Er fügt sich in das Profil des Bestands an der Uhlandstraße ein.
Der Grundkörper ist in seiner Geometrie einfach und kompakt konstruiert. Der Verzicht auf Vor- und Rücksprünge begünstigt die Wirtschaftlichkeit der gewählten Konstruktionsart aus Holz. Garten- und straßenseitig angestellte Holzgerüste geben dem Gebäude eine angenehme Plastizität, sie dienen als Balkon, Laubengang und Rankstruktur. Auch die Treppe wurde zur Vereinfachung des Grundrisses aus der Grundgeometrie ausgegliedert und hofseitig frei angestellt; die verzinkte, nach allen Seiten offene Stahlkonstruktion mit Trapezblechüberdachung steht sinnbildlich für die Haltung einfachen und kostensparenden Bauens. Die Möglichkeit zum späteren Anbau eines Aufzugs ist vorgerüstet. Dadurch erfüllt das Gebäude nicht ohne Zugeständnisse die gesetzlichen Anforderungen an Barrierefreiheit – ein Makel im ansonsten so vorbildhaften und ge­mein­wohlori­en­tier­ten Projekt. Und ein nicht immer einfach lösbarer Konflikt bei der Schaffung preisgünstigen Wohnraums mit der gesell­schaft­lichen Forderung nach Gleichstellung beeinträchtigter Menschen.
Das Gebäude weist durch veränderbare Wandpositionen im Inneren eine gewisse Flexibilität der klar strukturierten Grundrisse auf – sofern es auch die Bedürfnisse der Menschen hinter der Wand zulassen. Doch die Chancen für Einvernehmlichkeit scheinen schon in die Struktur des Hauses baulich eingewoben: Die Etagen stellen baurechtlich trotz Unterteilbarkeit formal je eine Wohnung dar. Dachräume und Dachterrasse dienen der Gemein­schaft – statt als hochpreisiges Penthouse mit „Herkulesblick“ vermarktet zu werden. So profitieren alle Bewohnenden von der Weitsicht – im mehrfachen Wortsinn.
Die Architekt*innen haben sich im Rahmen geltender Regeln maximal um den schonenden Einsatz von Res­sour­cen bemüht, von der Holz­bauweise als Grundkonstruktion, dem weitgehenden Verzicht auf CO2-intensive, mineralische und Verbundbaustoffe bis hin zum Einsatz gebrauchter oder anderweitig vermeintlich nicht mehr nutzbarer Bauteile wie Fenster, Fassadenbekleidungen, Heiz- und Sanitärobjekte, Fliesen, Geländer usw. Diese besondere Haltung ist spürbar, sie beschreibt eine eigene Ästhetik. 
Das Projekt erhält die Aus­zeich­nung „Vor­bild­licher Bauten im Land Hessen 2026“ auch wegen der ganzheitlichen Herangehensweise, wegen des mutigen Ansatzes der Quar­tiersentwicklung, der qualitätvollen Gestaltung des Gebäudes, seiner In­no­vationskraft, der Res­sour­cen­schonung und der Gemeinwohlorientierung. Glückwunsch! 

 

Gerhard Greiner, Präsident der AKH / Jurymitglied