14.09.2020 | AKH

„Wir müssen alle Architekt­innen und Architekten in Deutschland erreichen“

Die Initiative Phase Nachhaltigkeit möchte Nachhaltigkeit als neues Normal in der Planungspraxis etablieren.

Die Bundes­architekten­kammer e. V. (BAK) und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) haben 2019 die Initiative Phase Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Im Rahmen einer After-Work-Veranstaltung der Architekten- und Stadt­planer­kammer Hessen (AKH) am 9. September 2020 stellten Initiatoren und Teilnehmer mit Fachvorträgen und Praxisberichten das Bündnis vor. „Es geht darum die Planungspraxis zu mehr Nachhaltigkeit im Bauen zu entwickeln, hin zu einer größeren Selbstverständlichkeit, hin zu einem ‚neuen Normal‘, so Isabella Göring, Geschäfts­führerin der Akademie der AKH, die die Veranstaltung moderierte.

Der Vizepräsident der AKH Holger Zimmer begrüßte die Teilnehmenden im Haus der Architekten: „Die Themen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind bei der AKH fest verankert und spiegeln sich gleichermaßen in Berufs­politik, Gremien- und Grundlagenarbeit wie auch in vielschichtigen Fort­bildungs­angeboten der kammereigenen Akademie wider.“ Er führte weiter aus, dass es bei den aktuellen Heraus­forderungen im Klima­schutz nicht nur um energieeffiziente Gebäude und neue Technologien gehen dürfe, sondern auch der Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle zukomme. „Als Planer müssen wir verschiedene Strategien verfolgen und Konzepte entwickeln bei denen Effizienz, Konsistenz und Suffizienz intelligent verknüpft werden. Während Effizienz (die ergiebige Nutzung von Ressourcen) und Konsistenz (Einsatz umweltverträglicher Technologien und Stoffe) bekannte Prinzipien seien, handele es sich bei der Suffizienz um den unbekanntesten und vermutlich auch den unbequemsten der drei Ansätze, hinterfrage die Suffizienz doch die Bedürfnisse selbst. Es gehe um eine kritische Auseinandersetzung mit dem „was man wirklich zum Leben braucht“. „Daher müssen wir als Planer über die Relevanz von Suffizienz aufklären und entsprechende Konzepte entwickeln“, erläuterte Zimmer und ergänzte: „Klima­schutz ist die elementare Heraus­forderung unserer Zeit, der wir uns als Berufsstand verantwortungsbewusst stellen.“

Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, stellte anschließend die Initiative Phase Nachhaltigkeit vor. Ziel sei eine Transformation der gesamten Planungspraxis hin zu Nachhaltigkeit als dem neuen Normal. Dabei richte sich Phase Nachhaltigkeit speziell an Architekten und Planer, da diese von Beginn an mit den Auftraggeber*innen an einem Tisch sitzen. Um einen einfachen Einstieg in das Thema zu finden, wurde in Workshops die „Deklaration Nachhaltigkeit“ – eine Bauherrenvereinbarung – erarbeitet, mit deren Hilfe ein Nachhaltigkeitsprofil für Projekte entwickelt werden kann. „Wir müssen alle Architekt­innen und Architekten in Deutschland erreichen“, fasste Lemaitre zusammen. Die Initiative ist für die teil­nehmenden Büros kostenfrei. Sie erhalten Zugang zu Kommunikations- und Informationsmaterialien, die für die Bauherrenberatung genutzt werden können. Lemaitre schloss ihre Präsentation mit dem Aufruf: „Machen Sie mit. Werben Sie dafür. Je mehr mitmachen, desto schneller wird Nachhaltigkeit zum neuen Normal.“

Die Präsidentin der BAK, Barbara Ettinger-Brinckmann, ist seit 2017 Mitglied im Präsidium der DGNB. Sie sendete ein Grußwort per Videobotschaft an die Teilnehmer der After-Work-Veranstaltung und warf vor dem Hintergrund der gewaltigen Aufgabe, bis Mitte des Jahrhunderts die Emissionen komplett zu reduzieren, die Frage auf, welchen Beitrag der Berufsstand leisten könne. Ettinger-Brinckmann betonte, dass Klima­schutz angesichts der Heraus­forderungen durch die Pandemie nicht zur Nebensache werden dürfe. Die Initiative sei einer der ersten Versuche, das Expertenthema nach­haltiges Bauen in die Breite zu bringen und es so bei Bauherren und Baufrauen zu etablieren. Ettinger-Brinckmann erklärte: „Damit die Planungs- und Bau­kultur nachhaltig wird, braucht es überzeugte und überzeugende Architekten und Planer, wir müssen bei uns selbst anfangen und verinnerlichen, dass es ohne Nachhaltigkeit nicht mehr geht.“ DGNB und BAK ziehen inhaltlich und fachlich an einem Strang, um die Planungs- und Bau­kultur auf nach­haltiges Bauen – das neue Normal – auszurichten, fasste die BAK-Präsidentin die Zusammen­arbeit der beiden Bündnispartner zusammen. Die gemeinsame Initiative sei dabei ein starkes Signal. Klar sei jedoch auch, dass sie ihre Schlagkraft aus dem Engagement der teil­nehmenden Architektur- und Planungsbüros beziehe. Mehr als 100 Büros haben sich bereits angeschlossen. Bei über 50.000 Büros in Deutschland sei jedoch noch viel zu tun. Abschließend appellierte Ettinger-Brinckmann an die Teilnehmenden der After-Work-Veranstaltung zukünftig selbst als Multiplikatoren zu wirken.

Wie Nachhaltigkeit in der Praxis aussehen kann, zeigten die Praxisvorträge. Architekt Thomas Busse von KSP Jürgen Engel Architekten aus Frank­furt stellte mehrere Projekte des Büros vor und ging dabei auf einzelne Aspekte des nach­haltigen Planens und Bauens näher ein. Schwerpunkt des Vortrags war der Siemens Campus in Erlangen. Auf dem Gelände des bisherigen Siemens Forschungsgeländes einsteht ein neuer, offener und moderner Stadtteil. Busse zeigte unter anderem wie der Baumbestand durch den städtebaulichen Entwurf erhalten und genutzt werden konnte. Stefan Rappold, Architekt bei Behnisch Architekten in Stuttgart, stellte das Projekt „Smart Living Lab“ in Fribourg in der Schweiz vor. Hier entsteht ein Gebäude, das von der EPFL (Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne), der Univer­sität Fribourg und der Hochschule für Technik und Architektur Fribourg genutzt wird und das sowohl Forschungsort als auch Forschungsobjekt sein wird. Beide Referenten machten deutlich, dass Planungs­wettbe­werbe ein gutes Instrument sind Nachhaltigkeit und Bau­kultur zu befördern.

Göring moderierte die abschließende Diskussion und es wurde schnell klar, dass der Einstieg in die Beratung für kleinere Büros die größte Hürde darstellt. Hierfür bietet Phase Nachhaltigkeit mit der „Deklaration Nachhaltigkeit“ und den Informationsmaterialien Unterstützung. Die Initiative sei dabei auf Rückmeldungen und Beteiligung der Büros angewiesen, betonte Lemaitre, damit die Weiter­entwicklung zielgerichtet erfolgen könne. Für die beteiligten Büros sei die Initiative auch ein gutes Instrument, die eigenen Aktivitäten und die Haltung zur Nachhaltigkeit einzuschätzen und zu hinterfragen. Rappold machte den Teilnehmenden Mut, indem er erklärte, dass im Projektverlauf auf­grund der Initialberatung der Bauherren und Baufrauen durch Architekt*innen, eine Dynamik entstehen könne, bei der immer mehr nach­haltige Aspekte integriert würden.


Wie geht es weiter?
Für das erste Halbjahr 2021 sind weitere Veran­staltungen der Phase Nachhaltigkeit in Hessen geplant.
 

Weitere In­for­ma­tio­nen unter www.phase-nachhaltigkeit.jetzt


Hintergrund-Information: Deklaration Nachhaltigkeit

In der Deklaration werden angestrebte Nachhaltigkeitsziele in den verschiedenen Bereichen abgefragt. Bauherren sollen die Themen, die ihnen am Herzen liegen, danach bewerten, ob sie ihnen sehr wichtig, wichtig oder weniger wichtig sind. Es geht dabei um die individuelle Einschätzung der Relevanz verschiedener, mit Nachhaltigkeit verbundener Themen bzw. der angestrebten Nachhaltigkeitsziele für das konkrete Projekt. Daran kann sich die Planung orientieren.

Die Themen:

  • Suffizienz (Flächenverbrauch, Mehrfachnutzungen, Angemessenheit, Lowtech)
  • Klima­schutz (CO2-Budget, Gebäude als Kraftwerk, CO2-Senken)
  • Umwelt (Biodiversität, Ressource Wasser, Mikroklima)
  • Zirkuläre Wertschöpfung (Ressourcenschutz, schadstofffreie Materialien, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit)
  • Positive Räume (Qualität im Quartier, gesundheitsfördernd, Inspiration und Identität)
  • Bau­kultur (gestalterische Qualität, zeitlose und zukunftsfähige Architektur)