Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Neubau Radwegekirche Milseburg

Preisträger

1. Preis: sturm und wartzeck gmbh, Dipperz

€ 5.000 (netto)

Jörg Sturm
Mitarbeit: Ana Conesa Outeda
Fachberater: (f) landschaftsarchitektur, Gunther Ulrichs-Fischer, Bonn

2. Preis: ARGE SCHÖNBORNSCHMITZ Spital-Frenking + Schwarz Architekten I Stadtplaner, Berlin

€ 3.000 (netto)

Kathrin Schmitz, Georg Schönborn, Prof. Oskar Spital-Frenking, Prof. Vertr. Michael Schwarz
Mitarbeit: Florian Langer

3. Preis: Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH, Frankfurt/Main

€ 2.000 (netto)

Ferdinand Heide
Mitarbeit: Claudia Zimmermann, Kim Hübner

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Hochbau
Wettbewerbsform Nichtoffener Wettbewerb mit vorgeschaltetem, qualifizierten Auswahlverfahren
Preisgerichtssitzung 31.03.2017
Ort Hofbieber-Elters
Auslober Förderverein Radwegekirche Milseburg e.V., Dipperz
Betreuung Architekturbüro Zieske, Gießen
Preisrichter Michael Frielinghaus (Vorsitz), Prof. Thomas Meurer, Prof. Alexander Reichel, Georg Ander-Molnár, Dr. Jan Olischläger

Ein Ort der Einkehr, der Ruhe und des Gebets 
Nichtoffener Realisierungswettbewerb „Neubau Radwegekirche Milseburg“

Quer durch die Rhön führt der Milseburg-Radweg, Teil des Hessischen Fernradweges R3, der Fulda mit Hilders verbindet. Höhepunkt der 27 km langen Strecke ist der Milseburgtunneln. Er zählt zu den längsten Radwegetunnel Deutschlands und ist eine Attraktion für Radfahrer aus dem ganzen Bundesgebiet.

Ziel des vom Förderverein Radwegekirche Milseburg e.V. ausgelobten und vom Architekturbüro Zieske aus Gießen betreuten, hochbaulichen Realisierungswettbewerbs mit vorgeschaltetem Auswahlverfahren war es, auf dem mittleren Teil des Radwegs die erste Radwegekirche auf grüner Wiese zu errichten.

Gewünscht war der Neubau einer kleinen ökumenischen Kapelle mit ca. 35 Sitzplätzen und Altar, der sich sowohl in seiner Architektur als auch mit seiner Art der Nutzung in die weitläufige Landschaft zwischen Milseburg und dem barocken Schloss Bieberstein einfügt. Im Sinne eines niederschwelligen kirchlichen Angebots soll der Bau nicht nur die Neugierde von Radfahrern, Wanderern, Joggern oder Inline-Skatern wecken und diese zum Innehalten anspornen, sondern auch für Gruppen wie Konfirmanden und Pilger ein Ort der Ruhe und des Gebets sein. Darüber hinaus sollen dort besondere (auch Open Air-)Veranstaltungen wie z.B. Taufen oder Trauungen stattfinden. Unter den zehn eingereichten Entwürfen vergab das Preisgericht unter Vorsitz von Michael Frielinghaus aus Friedberg drei Preise.

Das Konzept der erstplatzierten Arbeit der Sturm und Wartzeck GmbH aus Dipperz bezeichneten die Preisrichter als prägnant, einfach und funktional. Sie lobten insbesondere „die städtebauliche Einbindung des Baukörpers in den Landschaftsraum“. Es werde klar in den öffentlichen Bereich mit zum Radweg zugewandter Freitreppe, den ruhigen, geschützten Gebäudeteil des Kirchenraums sowie die davor angeordnete Freifläche für Veranstaltungen unterschieden. Eine besondere Qualität des Entwurfs liege in der „Öffnung des Kirchenraums nach Westen“. Das große Fenster gebe nicht nur den Blick in die Landschaft frei, sondern ermögliche eine funktionale Verbindung zum Außenbereich. Auch die strenge, schlichte, monolithische Gebäudeform sowie die Materialwahl, die Basaltlava für die Außenwände und Treppen vorsieht, überzeugte. Die Preisrichter regten jedoch an, dem Kriterium Sonnenschutz in der Westfassade und dem Thema Be- und Entlüftung des Innenraums noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Der mit dem zweiten Preis prämierte Entwurf der ARGE SCHÖNBORNSCHMITZ Spital-Frenking + Schwarz Architekten | Stadtplaner aus Berlin besteche durch „die Klarheit seiner Aussage hinsichtlich der Determination des Gebäudes“, so die Preisrichter. Der Entwurf sieht einen mehrfach gefalteten Baukörper vor, der sich im Grundriss aus vier Dreiecken zusammensetzt und an die traditionelle sakrale Formensprache angelehnt ist. Durch die Lage des Gebäudes entstehe eine öffentliche Seite zum Weg sowie eine kontemplative zur Landschaft. Durch Öffnen der Glasfronten könne eine Verbindung zur Außenfläche erfolgen, sodass der Raum innen wie außen vielfältig und flexibel nutzbar sei. „Der homogene Baukörper aus Holz“ sei deutlich am Radweg sichtbar und schaffe „die Gradwanderung zwischen ländlichem und sakralem Bauwerk“. Insgesamt stelle der Entwurf „eine angemessene und feinfühlige Lösung“ dar, so das Urteil der Preisrichter, auch wenn „die gewünschte überregionale Zeichenhaftigkeit als Symbol für den Radweg zur Milseburg noch stärker formuliert werden könnte“.

Der dritte Preis ging an die Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH aus Frankfurt/Main, die sich zur Beschreibung ihrer Leitidee dem Vergleich des Baukörpers mit einem Felsen bediente, der vor der sanft gewölbten Kulisse der Rhön in die Landschaft ragt. Der einfache und klar geschnittene, hoch aufragende Baukörper in der Geometrie eines Pyramidenstumpfs über einem quadratischen Grundriss sei als Zeichen weit sichtbar und wecke beim vorbeiziehenden Radfahrer Neugierde, urteilte das Preisgericht. Die Wahl von Sichtbeton als Leitmaterial im Außen- und Innenbereich sei mit dem gewählten Konzeptansatz des „Felsens“ stimmig. Den Verfassern sei es gelungen, einen „ruhigen Ort der Kontemplation“ zu gestalten, der „im Kontrast zur lebendigen Landschaft der Rhön“ stehe. Durch das nur von oben einfallende Tageslicht sowie die Hermetik der umgebenen, nach innen geneigten Wände werde diese Wirkung noch verstärkt. Kritisch werteten die Preisrichter das Fehlen der optional gewünschten Erweiterung des Kirchenraums in den Freiraum, beispielsweise über Fenster.

Das Preisgericht empfahl einstimmig, das Projekt auf der Grundlage der mit dem ersten Preis bedachten Arbeit zu realisieren. 

Lena Pröhl