Gut vernetzt
Zwei Sieger beim Wettbewerb für den Chemie-Neubau an der Universität Gießen 

Ein Autoklavenraum. Ein nasspräparativer Übungsraum. Ein paar Denkzellen. Letzteres ist zwar ein paradoxes und scheußliches Kompositum, aber für den Laien klingen solche Begriffe fast geheimnisvoll.

Entnommen sind sie – und da wird die Sache dann schnell klar – dem Raumprogramm für den Neubau der Chemie für die Justus-Liebig-Universität Gießen. Auf dem Campus der Naturwissenschaften soll ein Gebäude entstehen, das den Gießener Chemikern, die sich zuletzt bei einem bundesweiten Rating gut behaupten konnten und sogar über einige international führende Arbeitsgruppen verfügen, mit einem optimierten Raumkonzept effiziente und flexible Strukturen für Lehre und Forschung an die Hand gibt. Das vermag das alte, zu klein gewordene und suboptimal vernetzte Institutsgebäude nicht. Beim vom Land Hessen ausgeschriebenen und von PMA, München, betreuten Realisierungswettbewerb stand es deshalb ebenso wie das alte Hörsaalgebäude und zwei Parkplätze zur Disposition.

Allerdings wird das neue Gebäude nicht an der gleichen Stelle im Norden des Campus entstehen, sondern im Süden, wo es den Auftakt der Naturwissenschaften betonen soll. Im nördlichen Teil, so der städtebauliche Ideenteil der Aufgabe, soll die bestehende Magistrale, die im Süden beginnt, einen durch Freiflächen klar definierten Endpunkt erhalten.

Fast optimal gelöst haben diese Aufgabe gleich zwei der 27 angetretenen Büros: Auer + Weber + Assozierte aus München sowie Gerber Architekten aus Dortmund. Sie wurden vom Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Dr. Bernd Scholl einstimmig auf den mit jeweils 70.000 Euro dotierten ersten Platz gewählt. Der dritte und vierte Preis gingen an agn Niederberghaus & Partner aus Ibbenbüren sowie an die Hascher + Jehle Planungsgesellschaft aus Berlin.

Ausschlaggebend für die Auszeichnung des Büros Auer + Weber war dessen Konzept, bei dem der Campus mit drei neuen Gebäude und drei großzügigen Freiräumen in Anfang, Mitte und Ende klar räumlich strukturiert wird. Lob erhielten vor allem die Anlage des Chemiegebäudes mit zentralem Eingang bzw. Eingangshof, der die Fußgängerachse bis ins Gebäude hinein führt, die modulare Gliederung mit vier Innenhöfen, die optimale Orientierung aller Räume und die einfache, aber elegante Gestaltung bis hin zur durchgängigen Glasfassade. Im Norden korrespondiert dazu das vergleichbar angelegte Biologiegebäude, das ebenso wie das Bibliotheks- und Campusgebäude zu einem modernen Ensemble mit den bestehenden Gebäuden beiträgt.

Bei der Nachbesserung für einen endgültigen Entscheid stand für das Preisgericht die Reduzierung der Investitions-, Betriebs- und Folgekosten im Vordergrund und eine Überarbeitung des Technikkonzepts, zumal ca. 1.900 m2 Technikflächen zu wenig ausgewiesen waren.

Die Kostentransparenz mahnten die Preisrichter auch bei Gerber Architekten an. Positiv fiel aber ins Gewicht, dass die Dortmunder im Norden und Süden die Erweiterungsbauten zugunsten einer klaren Adressbildung konzentrieren und damit zugleich Platz für einen Campuspark in der Mitte schaffen. Hörsaalgebäude und Chemie sind eigenständig und teilen sich einen Vorplatz, der direkt an die Magistrale anschließt. Auch das kleinere, in Nord-Süd-Richtung liegende Hörsaalgebäude ist unmittelbar mit der Magistrale verbunden, während der Hauptzugang zum Chemieinstitut, das in west-östlicher Ausrichtung verläuft, über die „Piazza“ erfolgt und im Inneren mit einer „Magistrale der Chemie“ aufwartet. Beim Hörsaalgebäude hatten die Preisrichter allerdings Bedenken, was die Kosten anbelangt, die bei der die Geländemodulation um einer natürlichen Belichtung willen entstehen. Auch die Aussagen zur Fassadengestaltung reichten ihnen nicht aus.

Die Entscheidung für die Vergabe des 55-Millionen-Euro-Projekts, dessen Finanzierung im Rahmen des Hochschulbauprogramms „Heureka“ der Landesregierung erfolgt, wird für den Herbst erwartet, die Realisierung ist voraussichtlich ab 2010 geplant.

Beide Entwürfe würden in jedem Fall aber das leisten, was man sich in Gießen – mit seinen drei verteilten Campusstandorten für die rund 22.000 Studenten – erhofft: eine bessere Binnenstrukturierung des naturwissenschaftlichen Campus und ein städtebauliches und architektonisches Äquivalent zum Grundgedanken wissenschaftlicher Vernetzung, dass nämlich die Chemie in Gießen eine Brückenfunktion zwischen Medizin, Physik, Biologie und den Agrar- und Lebenswissenschaften einnehmen soll. Im Grunde etwas, was man schon von Justus Liebig selbst lernen konnte, dessen bekanntes Bonmot lautet: „Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.“ Denn Interdisziplinarität ist der Mehrwert, der die Wissenschaft bzw. die einzelne wissenschaftliche Disziplin immer von neuem „anfangen“ oder gar nicht erst aufhören lässt.