Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

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Neubebauung "Saladin-Eck" in Darmstadt

Preisträger

1. Preis: Studioinges Architektur und Städtebau, Berlin

€ 20.000

Francesca Saetti, Thomas Bochmann, Stefan Schwirtz

3. Preis: Schönborn Schmitz, Berlin

€ 11.000

Georg Schönborn, Kathrin Schmitz

3. Preis: Lieb & Lieb Architekten, Freudenstadt

€ 11.000

Gerhard Lieb

Anerkennung: Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin

€ 5.000

Bernd Albers
Mitarbeit: Christopher Richter, Fabio Schillaci

Anerkennung: Jessenvollenweider architektur ag, Basel

€ 5.000

Ingemar Vollenweider, Anna Jessen
Mitarbeit: Andreas Boroch, Clemens Hauptmann, Slavcho Kolevichin, Christina Leibundgut

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Hochbau
Wettbewerbsform Nichtoffener Realisierungswettbewerb
Preisgerichtssitzung 18.09.2015
Ort Darmstadt
Auslober Wissenschaftsstadt Darmstadt, Dezernat III
Betreuung WerkStadt Architekten und Stadtplaner, Darmstadt
Preisrichter Ferdinand Heide (Vorsitz), Cornelia Zuschke, Prof. Wolfgang Lorch, Prof. Kerstin Schultz, Prof. Ulrich Hamann, Sonja Moers, Sybille Wegerich, Ludwig Achenbach, Hildergard Förster-Heldmann, Karl-Heinz Töns, Tim Huß

Urbaner Alleskönner gesucht

Bebauung eines städtebaulich schwierigen Restgrundstücks in der Darmstädter Innenstadt

Das sogenannte Saladin-Eck ist eine prominente Baulücke in der Darmstädter Innenstadt mit außerordentlich schwierigen Nutzungsbedingungen. Das 630 Quadratmeter große Grundstück liegt in einer engen Kurve an einer verkehrsreichen Kreuzung, vis-à-vis des barocken Schlosses. Auf der einen Seite grenzt eine Nachkriegsbebauung an, auf der anderen die „Krone“, das letzte erhaltene Gebäude der historischen Altstadt, das heute als Veranstaltungsort und Kneipe genutzt wird. Das Grundstück liegt niedriger als seine Umgebung und besteht aus drei Teilparzellen, zwei gehören der Stadt und eine dem kommunalen Immobilienunternehmen Bauverein.

Nachdem bisher alle Bebauungsvorhaben - zum Teil nach deutlichen Protesten -  gescheitert sind lobte die Stadt einen Realisierungswettbewerb aus. Gefordert war ein innerstädtisches Gebäude, das den Blockrand schließt. Da mit festgelegten Nutzungen in der Vergangenheit keine realisierbaren Lösungen erzielt wurden, wünschte sich die Stadt einen „urbanen Alleskönner“, einen Baukörper mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten und hoher Werthaltigkeit. Nutzungsvorschläge zu entwickeln und diese nachvollziehbar darzustellen, war Aufgabe der Wettbewerbsteilnehmer.

Den ersten Preis vergab das Preisgericht unter Vorsitz von Ferdinand Heide an das Berliner Büro Studioinges Architektur und Städtebau. Der Ausloberin empfahl das Preisgericht einstimmig, diese Arbeit der weiteren Planung zugrunde zu legen und umzusetzen. Ein zweiter Preis wurde nicht vergeben, zwei dritte Preise gingen an ARGE Schönborn Schmitz Dietrich aus Berlin und Lieb + Lieb Architekten aus Freudenstadt. Anerkennungen erhielten die Büros Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH aus Berlin, Jessenvollenweider architektur ag aus Basel und Schneider + Schumacher Planungsgesellschaft mbH aus Frankfurt am Main. Betreut wurde der Wettbewerb von WerkStadt Architekten + Stadtplaner aus Darmstadt.

Studioinges führte die unterschiedlich hohen Trauflinien der angrenzenden Gebäude fort und reagierte auf den Niveausprung des Geländes mit einer Split-Level-Gliederung: Das Gebäude wächst von drei bzw. vier Geschossen an den Seiten auf fünf Geschosse in der Mitte, zur Kreuzung. Der städtebauliche Hochpunkt überzeugte die Preisrichter ebenso wie die Anschlüsse an die Nachbarbauten. Die Erschließung der publikumsorientierten Nutzungen auf den zwei Erdgeschoss-Niveaus lobten sie als „konzeptionell gut gelöst“ und das „großzügige und gleichzeitig flexibel aufteilbare Raumangebot“ als „nachvollziehbar gegliedert“. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind Großraum- und Kombibüros sowie Ateliers vorgesehen und in den beiden oberen Geschossen ergänzt gemeinschaftliches Wohnen den Funktionsmix. „Strukturell kann das Bauwerk die geforderte Robustheit und Flexibilität vollauf erfüllen“, so die Preisrichter. Ihre Zustimmung fand auch die Fassadengestaltung: Diese sei durch ihre Gliederung „konzeptionell überzeugend in die Bestandssituation eingefügt“, Proportionen sowie Anteile von geschlossenen zu offenen Flächen zeigten einen „eigenständigen und sensiblen Auftritt“ und die „markante Öffnung“ nach Osten markiere den Übergang in die Innenstadt. Insgesamt gelinge den Verfassern „ein ausdrucksstarker Stadtbaustein, der die bisherige Lücke angemessen und gleichzeitig souverän füllt“, so das Fazit des Preisgerichts.

Dem Entwurf der ARGE Schönborn Schmitz Dietrich aus Berlin bestätigte das Preisgericht, dass er die prägnante 50er Jahre Fassade seines Nachbarn „im Duktus aufnimmt“, „stärkt“ und „neuzeitlich feingliedrig interpretiert“. Die drei Zugänge an der Landgraf-Georg-Straße würden durch Kolonnaden akzentuiert und es entstehe ein „großzügig nutzbarer, niveaugleicher Außenraum zum Kreuzungsbereich“. Der Baukörper sitze „gut und selbstverständlich auf dem Boden“ und die vertikale Haupterschließung liege „leistungsfähig und zentral im Baukörper“. Die Arbeit weise durch verschiedene Büro- und Wohnnutzungen eine „robuste, intern veränderungsfähige Struktur nach“, so das Preisgericht, und die Fassade aus feingliedrigen Kunststein- bzw. Betonfertigteilen wirke „diszipliniert, ruhig, gut proportioniert und elegant“.

Der Entwurf von Lieb + Lieb Architekten aus Freudenstadt „besticht durch seine Intention, einen eigenständigen und für diesen Ort originären Entwurf zu entwickeln“, urteilte das Preisgericht. „Das neue Gebäude versteht sich als Vermittler im Kontext der heterogenen Nachbarbebauung und versucht als Hybrid insbesondere das historische Gebäude „Krone“ in seiner Maßstäblichkeit einzubinden“, so die Preisrichter. Die zwei Erschließungskerne ermöglichten zudem „eine flexible und funktionale Grundrissorganisation“. Der Entwurf verbindet die beiden unterschiedlichen Gebäudehöhen seiner Nachbarn durch eine durchgehende, zur Krone abfallende Traufkante. Die Fassade zur Holzstraße ist weitgehend geschlossen. Belichtet werden die dortigen Innenräume über einen Lichthof an der mit Graffitis besprühten Brandwand der „Krone“.

Kerstin Mindermann