Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Neubau Rheinstraßenbrücke, Darmstadt

Preisträger

1. Preis: Knight Architects Limited, High Wycombe (GB), mit Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH, Frankfurt/Main

€ 35.000

Mitarbeit: Bartolomiej Halaczek, Simon Harris , Anthea Schneider, Ingo Weißer, Maria Münch, Thomas Wicher

Anerkennung: Explorations Architecture, Paris (F), mit BERNARD Ingenieure ZT, Tirol (A)

€ 10.000

Mitarbeit: Nicholas Elliott, Benoît Le Thierry, Sylvia Bauer , Lukas Praxmarer, Christian Wollinger, Mark Walters, Patrick Schatz

Anerkennung: Kinkel + Partner GmbH, Neu-Isenburg, mit Dierks Blume Nasedy GbR, Darmstadt

€ 10.000

Knut Bock, Jörg Dietz, Jörg Blume, Christian Nasedy
Mitarbeit: Tanja Häuser, Xiaoying Hu, Alona Antonow, Aljona Riefer, Katja Seibt

Anerkennung: Meyer+Schubart, Wunstorf, mit VIC, Berlin, und Kolb Ripke Architekten, Berlin

€ 10.000

Ralf Schubart, Klaus-D. Abraham, Henry Ripke
Mitarbeit:  Elis Ollero Caprani, Pavlo Biegun, Simon Hawkins

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Interdisziplinäre Wettbewerbe
Wettbewerbsform Nichtoffener, einphasiger, interdisziplinärer Realisierungswettbewerb
Preisgerichtssitzung 25.09.2015
Ort Darmstadt
Auslober Wissenschaftsstadt Darmstadt, Stadtplanungsamt
Betreuung AG 5, Dipl.-Ing. Architekten, Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt Darmstadt
Preisrichter Prof. Burkhard Pahl (Vorsitz), Prof. Marcin Orawiec, Prof. Peter Karle, Prof. Klaus Bollinger, Prof. Harald Kloft, Manuel Krenzk, Hildegard Förster-Heldmann, Horst Adalbert Härter, Jochen Krehbiehl

Angemessenes Signal am Stadteingang

Nichtoffener Realisierungswettbewerb „Neubau Rheinstraßenbrücke, Darmstadt“

Die Rheinstraße ist die wichtigste Stadtein- bzw. -ausfahrt in Darmstadt. Sie verbindet das westliche Umland und die Autobahnen A5 und A67 mit der Stadt und führt axial direkt bis in die Innenstadt, zum Luisenplatz. Über 16.000 Fahrzeuge passieren die Straße täglich. Am Stadteingang quert die Rheinstraße die Bahngleise. Die dortige Brücke soll nun durch eine neue ersetzt werden.

Die Rheinstraßenbrücke wurde 1910-1912 erbaut und ist heute ein Kulturdenkmal. Für die Elektrifizierung der Bahn, die Oberleitungen erforderte, wurde sie in den 1950er-Jahren angehoben und gleichzeitig erheblich verändert. Die Brückenköpfe aus Lavatuff, Teile der Widerlager und der Böschungsmauern sowie zwei Pfeilerreihen unterhalb der Brücke sind noch vorhanden und heute denkmalgeschützt.

Für den Entwurf der neuen Brücke lobte die Stadt einen nichtoffenen, interdisziplinären Realisierungswettbewerb für Bauingenieure in bindender Zusammenarbeit mit Architekten bzw. Stadtplanern oder Städtebauarchitekten aus. Die Teilnehmerzahl war auf 15 begrenzt, fünf Büros bzw. Arbeitsgemeinschaften waren gesetzt. Betreut wurde der Wettbewerb von AG 5 aus Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt Darmstadt.

Wettbewerbsaufgabe war der Entwurf einer neuen, dreiteiligen Rheinstraßenbrücke mit vier stadtauswärts führenden Spuren, einer unabhängigen Straßenbahntrasse in der Mitte und zwei stadteinwärts führenden Spuren, zuzüglich Fuß- und Radverkehrsanlagen. Zur Gestaltung, Konstruktion oder Materialwahl machte die Stadt keine Vorgaben. Sie wünschte sich jedoch, dass die zentrale Sichtachse Richtung Luisenplatz durch die neue Brücke unterstützt wird und dass die historischen Brückenköpfe möglichst erhalten oder zumindest wiederverwendet werden. Die restlichen Originalbauteile der ersten Brücke sollten wenn möglich ebenfalls in die neue Brücke integriert werden.

Das Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Burkhard Pahl vergab einstimmig den ersten Preis an Schüßler Plan GmbH + Knight Architects, Frankfurt/London. Ihr Entwurf verzichte „konsequent auf ‚laute’ gestalterische sowie konstruktive Attitüden“. Trotzdem schaffe es die in monolithischer Bauweise entworfene Dreifeldbrücke, „ein angemessenes Signal am Stadteingang zu definieren“, hoben die Preisrichter hervor. Die im oberen Bereich leuchtenden Masten, die in zwei Viererreihen die Ränder der Brücke säumen, überzeugten die Preisrichter ebenfalls: Diese „senden in die Ferne einladende Signale und fokussieren den Blick auf den ‚langen Ludwig’“, das Stadtwahrzeichen auf dem Luisenplatz. Die Masten seien zudem gestalterisch und konstruktiv mit den Brückenpfeilern verbunden, sodass „eine formale Einheit zwischen der Ober- und der Unterseite der Brücke“ entstehe. Das Preisgericht betonte auch „die sensible Art“, mit der die Entwerfer die historischen Brückenköpfe – mit „großzügigem Abstand zu den neuen Elementen“ – in die neuen Flügelwände integrierten, und würdigte die Achtsamkeit, mit der die Fahr- und Gehebene gestaltet sei: Der Verlauf der Bahngleise und die Standpunkte der linsenförmigen Pfeiler unter der Brücke seien im Oberbelag thematisiert, sodass sich die fächerförmige Stellung der Masten für die Passanten erkläre. Darüber hinaus lobte das Preisgericht das Beleuchtungskonzept, das „formal eine Einheit mit der Struktur der Brücke bildet“, die Fahrleitungen, die „ähnlich selbstverständlich integriert sind“, und die „mit äußerster Sorgfalt detaillierten Fügungen“. Die Konstruktion sei zudem „wirtschaftlich“, sodass „die Umsetzung ohne Abstriche in den definierten Qualitäten gesichert“ sei. Lediglich eine stärkere Trennung zwischen den Fahrbahnen und den Bürgersteigen, beispielsweise durch einen Grünstreifen, regten die Preisrichter an. Der Ausloberin empfahlen sie abschließend einstimmig, den Entwurf von Schüßler Plan GmbH + Knight Architects zur Grundlage der weiteren Bearbeitung zu machen und dabei die Hinweise der Beurteilung zu berücksichtigen.

Weitere Preise vergab das Preisgericht nicht, jedoch drei gleichrangige Anerkennungen. Diese erhielten:

- Bernard Inge. ZT + Exploration Architecture, Hall/Österreich

- Kinkel Inge. GmbH + Dirks-Blume-Nasedy, Neu-Isenburg/Darmstadt

- Maier-Schubart, Wunstorf, mit VIC, Berlin, und Kolb Ripke Architekten, Berlin.

7,5 Mio. Euro netto stehen für den Bau der Brücke einschließlich der Anschlüsse und der Ausstattung zur Verfügung. 2022 soll sie eröffnet werden.

Kerstin Mindermann