Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle, Frankfurt / Main

Preisträger

2. Preis: bbzl, böhm benfer zahiri landschaften, städtebau, Berlin

€ 25.000

Ulrike Böhm, Cyrus Zahiri, Katja Benfer
Mitarbeit:Tim Wildner, Anna Kajsa Gustavsson, Rita Leal, David Gonzales Ferreno, Mara Werner

2. Preis: KATZKAISER GbR, Köln

€ 25.000

Marcus Kaiser, Tobias Katz

2. Preis: LOOC/M Architekten GbR, Frankfurt am Main

€ 25.000

Jens Vorbröker
Mitarbeit: Kai Binnewies, Dina Tiles, Christian Knoll
Fachberater: Thomas Müller, Stuttgart (Tragwerksplanung)

Anerkennung: OP Architecture, Kopenhagen / Dänemark

€ 12.500

Niels L. Petersen, Jennifer D. Petersen, Carsten E. Holgaard
Mitarbeit: Mads Knak-Nielsen, Anders Åkeson, Kirsten Huessig-Klaasse
Fachberater: Ramboll DK A/S, Bjarke Curtz Jansen, Eigil Hasling, Virum/Dänemark (Ingenieurwesen)

Anerkennung: Martin Ott, Matthias Marbes, Weimar

€ 12.500
Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Hochbau
Stadtplanung
Landschaftsarchitektur
Wettbewerbsform Zweiphasiger, offener, anonymer Realisierungswettbewerb nach RPW 2008
Preisgerichtssitzung 28.05.2010
Ort Frankfurt / Main
Auslober Stadt Frankfurt am Main in enger Abstimmung mit der Europäischen Zentralbank u.d. Jüdischen Gemeinde
Betreuung ANP – Architektur und Nutzungsplanung, Kassel
Preisrichter Prof. Nikolaus Hirsch (Vorsitz), Hubertus von Allwörden, Prof. Dr. h.c. Max Bächer, Prof. Hilde Barz-Malfatti, Prof. DW Dreysse, Prof. Gabriele Kiefer, Prof. Dr. Salomon Korn, Thomas Rinderspacher, Prof. Dr. Raphael Gross, Dieter von Lüpke, Dr. h.c. Petra Roth, Prof. Dr. Felix Semmelroth, Dr. Ann Anders, Dr. h.c. Jean-Claude Trichet, Axel Wieder

Gleisharfe, Rampe, Kubus 

Drei gleichrangige Entwürfe für die Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle 

Es ist ein ungewöhnliches Ergebnis: kein Wettbewerbssieger, dafür drei zweite Plätze. Aber es war auch kein gewöhnlicher Wettbewerb. Es ging um die Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Aufgabe war es, einen Ort des Gedenkens zu schaffen, der an die 10.000 jüdischen Bürger Frankfurts erinnert, die von der Großmarkthalle als Sammelstelle aus in die Konzentrationslager deportiert wurden. Da die Großmarkthalle Teil des neuen Ensembles der Europäischen Zentralbank wird, hat die Stadt Frankfurt den zweiphasigen Realisierungswettbewerb in Abstimmung mit der EZB und der Jüdischen Gemeinde ausgelobt.

139 Büros hatten sich in der ersten Phase beworben, 20 wurden zur zweiten Phase eingeladen, und 19 hatten schließlich ihre Arbeiten eingereicht. Im Laufe des Wettbewerbs kristallisierten sich für das prominent besetzte Preisgericht – darunter Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und selbst Architekt, sowie Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank – zwei wesentliche Momente heraus: Erstens sollten die Relikte wie der große Keller, in dem die Juden zusammengepfercht wurden, die Gleise oder das Stellwerk erhalten bleiben, und es musste ein Bezug zum authentischen Ort hergestellt werden. Die "banale Dinge des Alltags", die von der "Banalität des Bösen" zeugten, wie es Salomon Korn mit Blick auf das bekannte Diktum der Philosophin Hannah Arendt formulierte. Und zweitens sollte dieser Bezug ganz konkret ausfallen: Es geht nicht um eine zentrale Auseinandersetzung Frankfurts mit dem Schicksal der Juden unter den Nazis, sondern um den ganz speziellen Fall der Deportation.

Restlos überzeugen konnte die Preisrichter unter ihrem Vorsitzenden Prof. Nikolaus Hirsch keiner der drei prämierten Entwürfe. Doch alle drei integrieren die Relikte mit viel Fingerspitzengefühl. Das Berliner Büro bbzl, böhm benfer zahiri landschaften, städtebau schlägt etwa vor, die Erinnerungsstätte zu einer besonderen – nomen est omen – Station im Grünzug zu machen. Wechselnder Bodenbelag macht im Wegeverlauf auf die Stätte aufmerksam. Im Mittelpunkt steht die Gleisharfe, bei der ebenso wie beim Drahtgitterzaun fehlende Teile – erkennbar – hinzugefügt werden. Die historische Aufarbeitung findet entlang der Gleise statt: An den Rändern sind die Daten der Transporte eingemeißelt. Dem Preisgericht erschien der Beitrag "fast spröde in seiner Selbstverständlichkeit", doch dass er ohne große symbolische Aufladung auskommt, fiel insgesamt positiv ins Gewicht.

Eindringlicher fällt die Betonrampe zum Sammelkeller aus, die von den KATZKAISER GbR, Köln, vorgeschlagen wird. Der Zugang bekommt durch hohe Seitenwände die gespenstische Wirkung eines Schlundes. Nur geführten Gruppen soll dieser Ort zugänglich sein, er bleibt aber öffentlich einsehbar – auch das hat fast schon Symbolcharakter. Auf einer Glaswand, die die Zugänglichkeit begrenzt, ist die Erinnerung eines Deportierten aufgedruckt. Auch an vielen weiteren Stellen wie dem Boden des Kellers oder der Brüstung der Eisenbahnbrücke sollen Zitate eingeschrieben werden. Alle Relikte bleiben erhalten bzw. werden in den ursprünglichen Zustand rückgebaut.

Am Aufwendigsten fällt der Entwurf der LOOC/M Architekten GbR aus Frankfurt aus. Eine kubische Großform, die den Dimensionen des Kellerraumes entspricht, erhebt sich über den Schienensträngen bzw. diese ragen in das Innere hinein. Der bräunliche Kubus stellt sich den Passanten quasi in den Weg. Er besteht aus 10.000 Corten-Stahlplatten – entsprechend der Anzahl der deportierten Juden. Aus der Ferne soll der Quader massiv wirken, doch je näher man ihm kommt, desto mehr „zerfällt“ er. Der Entwurf weist eine Vielzahl von Ideen auf, die in ihrer Addition dem Preisgericht aber zu viel des Guten erschienen. Lob erhielt jedoch der unterirdische Zugang zum Kubus über das umgewandelte Stellwerk.

Alle drei Büros werden nun ihre Pläne überarbeiten. Welchen man letztlich favorisieren mag – schon jetzt erfüllen alle drei eine weitere wichtige Voraussetzung für die Erinnerungsstätte: Eine klare Verstehbarkeit heute, aber auch in der Zukunft. Denn nur das ermöglicht lebendiges Erinnern.