Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Welterbestätte Kloster Lorsch

Preisträger

1. Preis: TOPOTEK 1 Gesellschaft von Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin mit HG Merz GmbH, Stuttgart

€ 18.000

Mitarbeit: Martin Rein-Cano, Lorenz Dexler, Alexander Antoniou, Lisa Oregioni, Karoline Liedke, Prof. HG Merz, Markus Betz, Philipp Hoppe, Patrick Wais

1. Preis: Prof. Christoph Schonhoff, Hannover mit Prof. Thomas Will, Dresden

€ 18.000

Mitarbeit: Annegret Stöcker, Thomas Werner

3. Preis: Michael van Gessel, Amsterdam (NL) mit Peter Sas, Amsterdam (NL)

€ 8.000

Fachplaner: Caspar Slijpen, Viljen (NL), (Landschaftsarchitektur)

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Hochbau
Stadtplanung
Landschaftsarchitektur
Wettbewerbsform Nichtoffener einphasiger interdisziplinärer Realisierung Wettbewerb im kooperativen Verfahren nach RPW 2008
Preisgerichtssitzung 14.04.2010
Ort Lorsch
Auslober Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (VSG), Bad Homburg
Betreuung ANP - Architektur- und Planungsgesellschaft mbH, Kassel
Preisrichter Prof. Cornelia Bott (Vorsitz), Prof. Dr. Bernhard Furrer, Prof. Heinz W. Hallmann, Prof. Dr. Erika Schmidt, Corinna Endreß, Kirsten Worms, Karl Weber, Klaus Jäger, Christian Schönung

"Ost-West-Konflikt" 
UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch wird neu inszeniert 

Karl der Große zeigte sich 774 zur Einweihung der imposanten dreischiffigen Basilika großzügig. Auch seine Nachfolger geizten nicht mit Schenkungen an die Reichsabtei Lorsch, das die Reliquien des heiligen Nazarius zur beliebten Pilgerstätte machten. Bald war Lorsch eines der größten, reichsten und mächtigsten Klöster seiner Zeit – über dreihundert Jahre hinweg war es ein wirtschaftliches und geistiges Zentrum, ehe die Reformation den Niedergang, der noch im Mittelalter eingesetzte hatte, endgültig besiegelte.

Von der einstigen Pracht kündet heute nur noch wenig. Die so genannte Königshalle etwa, eindrückliches Beispiel Karolinigscher Baukunst – von der man nicht sicher weiß, welchem Zweck sie gedient hat. Nicht sicher wissen, das ist auch ein Gefühl, das Besucher der ehemaligen Benediktinerabtei beschleicht, wenn sie sich dort auf Spurensuche machen. So erahnt man eher den Zusammenhang, dass das Klosters Lorsch aus dem einige hundert Meter entfernt gelegenen Kloster Altenmünster entstanden ist – dorthin führt ein wenig attraktiver Wirtschaftsweg. Auch ein Gefühl für die 800-jährige Klostergeschichte stellt sich nicht ein. Die Welterbestätte neu in Szene zu setzen, das weitläufige Areal sinnfälliger zu erschließen – das war deshalb das Ziel des nichtoffenen Wettbewerbs im kooperativen Verfahren, an dem elf ARGEs aus Architekten und Landschaftsarchitekten teilnahmen.

Im Lauf der Preisgerichtssitzung zeichneten sich zwei unterschiedliche Ansätze ab: zum einen die nahe liegende historische Erschließung von Westen her, zum anderen aber ein landschaftlich-chronologischer Ansatz, der von Osten her die Landschaftsräume und die Keimzelle, das Kloster Altenmünster, betont. Der "Ost-West-Konflikt" einmal anders. Die Preisrichter unter ihrer Vorsitzenden Prof. Cornelia Bott entschieden sich letztlich bei der Vergabe des ersten Platzes salomonisch für beide Varianten.

Eine stammt aus der Feder der Berliner TOPOTEK 1 Gesellschaft von Landschaftsarchitekten GmbH mit HG Merz GmbH aus Stuttgart. Kern ihres Konzepts ist ein Besucherweg, der dem Areal eben von Osten her und jenseits des Flüsschens Weschnitz eine neue Dramaturgie verleiht: Ein neues Besucherzentrum bündelt und informiert dort die Ankommenden. Der "Weg der Kultur" führt nicht topographisch angepasst durch die Kulturlandschaft, sondern erfolgt wie ein artifizieller Schnitt, das Ungewisse wird hervorgehoben durch Aufschüttungen und Abtragungen. Und die Königshalle wird im Gegensatz zur heutigen Situation nicht Start-, sondern Höhepunkt, von dem aus der Rundweg wieder zurückführt. Für einen Ort, an dem (Architektur)Geschichte oft nur spürbar ist, ein überzeugender Ansatz.

Nicht weniger überzeugend fällt die historische Überlegung des Teams um Prof. Christoph Schonhoff, Hannover, und Prof. Thomas Will, Dresden, aus. Sie konzentrieren sich landschaftlich auf die Westseite, die Erschließung erfolgt von der Stadt mit einem geglückten Besucherleitsystem mittels eines Leporellos und "Gedankenstrichen" im Boden, die Sanddüne mit den Resten des Klosters wird freigestellt und als Kernzone wahrnehmbar, der Karolingerplatz ist für vielfältige Nutzungen vorgesehen. Der Aussichtsturm überzeugt, auch hinsichtlich des gebührenden Abstands zum Kloster Altenmünster. Beide Siegerentwürfe sind sich einig in der Öffnung des bislang rundum zugemauerten Kirchenrests, dem Ausbau der Zehntscheune zum Ausstellungsbau und in der Errichtung eines "karolingischen Laboratoriums".

Bei dem Wettbewerb wurde auch ein dritter Preis vergeben, der an das niederländische Duo Michael van Gessel mit Peter Sas, beide Amsterdam, ging. Sie arbeiten Landschaft und Topographie sehr sorgfältig heraus – unter dem Motto "use it".

Die Möglichkeit, das Kloster im Sinne von Erleben zu "Nutzen", werden die Besucher in Lorsch in jedem Fall in Zukunft haben. Denn dafür steht auch das Konzept der ARGE Topotek 1/Merz, die inzwischen den Zuschlag für das Projekt erhalten hat und in Hessen auch den Wettbewerb zur Umgestaltung des Landesmuseums in Kassel gewonnen hatte.

Das Visionäre des Ansatzes habe den Ausschlag gegeben, hieß es aus dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. 33 Welterbestätten gibt es in Deutschland, nachdem das Elbtal in Dresden 2009 gestrichen wurde. Lorsch kann sich künftig eines gelungenen Brückenschlags zwischen Vergangenheit und Moderne rühmen – und damit, einen "Ost-West-Konflikt" kreativ gelöst zu haben.