Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Gebietsentwicklung, Rodgau-West

Preisträger

1. Preis: prosa architekten Gero Quasten, Darmstadt, mit Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden

€ 42.500 (brutto)

Gero Quasten, Katharina Rauh, Till Rehwaldt
Mitarbeit: Sophie Schulz, Isabel Schergaut, Michal Michalski 

2. Preis: Holl-Wieden Partnerschaft Architekten und Stadtplaner, Würzburg, mit GTL Michael Triebswetter Landschaftsarchitekt, Kassel

€ 32.500 (brutto)

Dr. Hartmut Holl, Thomas Wieden, Michael Triebswetter
Mitarbeit: Andreas Bachmann, Jan Lages, Kai Gutheil, Harald Noll

3. Preis: happarchitecture, Frankfurt/Main, mit WGF Objekt Landschaftsarchitekten GmbH, Nürnberg und tobeSTADT städte.bau.planung.dialog, Frankfurt/Main

€ 22.500 (brutto)

Jens Jakob Happ, Michael Welter, Torsten Becker
Mitarbeit: Tobias Schafroth, Silvia Santos, Jonas Kleinemeier, Carolin Morell, Danial Ahmad, Mareike Borkeloh

4. Preis: Thomas Schüler Architekten Stadtplaner, Düsseldorf, mit Faktorgruen - Landschaftsarchitekten, Freiburg

€ 12.500 (brutto)

Thomas Schüler, Martin Schedlbauer
Mitarbeit: Ricardo Patings, Danilo Meixner, Michal Herl

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Stadtplanung
Wettbewerbsform Nichtoffener, städtebaulicher Realisierungswettbewerb
Preisgerichtssitzung 07.06.2017
Ort Rodgau
Auslober Stadt Rodgau Stadtplanung, Umwelt und Grünanlagen
Betreuung Norbert Post, Hartmut Welters Architekten und Stadtplaner GmbH, Dortmund
Preisrichter Prof. Christa Reicher (Vorsitz), Heiko Freckmann, Hiltrud Maria Lintel, Jutta Lusert, Prof. Dr. Franz Pesch, Prof. Rolf Egon Westerheide, Jürgen Hoffmann, Winfried B. Sahm, Michael Schüßler, Stefan Jaud, Franz-Ulrich Lenz

Wohnen in exponierter Lage
Gebietsentwicklung Rodgau-West – nichtoffener, städtebaulicher Realisierungswettbewerb

Angesichts wachsender Bevölkerungszahlen nimmt der Druck auf den Wohnungsmarkt im Frankfurter Ballungsraum stetig zu. Dies betrifft auch die südöstlich von Frankfurt und Offenbach gelegene Stadt Rodgau, die aufgrund der guten Verkehrsanbindung  sowie dem grünen Charakter des Wohnumfeldes einen attraktiven Wohnstandort innerhalb der Region darstellt.

Um die erhöhte Nachfrage nach Wohnbauflächen zu decken, soll am westlichen Stadtrand von Rodgau zwischen den Stadtteilen Hainhausen und Jügesheim ein neues Wohnbaugebiet entstehen. Konkretes Ziel des von der Stadt Rodgau ausgelobten und von der Hartmut Welters Architekten und Stadtplaner GmbH aus Dortmund betreuten nichtoffenen, städtebaulichen Realisierungswettbewerbs war es, für das rund 46 ha große Areal eine langfristige städtebauliche Entwicklung zu einem lebendigen Stadtquartier aufzuzeigen: Gewünscht waren durchmischte, vielfältige und bezahlbare Wohnangebote für verschiedene Nutzer. Analog zu der vielfältigen Bewohnerstruktur sollten auch Freiraumkonzepte mit Spiel-, Aufenthalts- und Sportqualitäten für verschiedene Generationen entwickelt werden. Darüber hinaus wurden eine barrierefreie Erschließung sowie verkehrsberuhigte Zonen und Shared-Space-Bereiche gefordert. Das Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Christa Reicher vergab insgesamt vier Preise.

Der erste Preis ging an prosa architekten Gero Quasten aus Darmstadt in Zusammenarbeit mit den Rehwaldt Landschaftsarchitekten aus Dresden. Der Entwurf sieht vier streifenartig angelegte Bebauungsfelder vor, die durch großzügige Grünstreifen begleitet werden. Vor allem der Ansatz, gemischte Wohnungsbaufelder mit unterschiedlichen Haustypologien zu errichten, überzeugte das Preisgericht. „Die Bebauungscluster wirken lebendig, bieten verschiedenen Lebensentwürfen Raum und vermeiden so Monotonie. So entstehen vielfältige Wohn- und Lebensatmosphären, die für eine sich demografisch verändernde Gesellschaft einen zukunftsweisenden Rahmen darstellen.“, urteilten die Preisrichter. Den Vorschlag der Verfasser, gänzlich auf Einfamilienhäuser zu verzichten, lehnten sie jedoch ab. Die Freiflächen seien gut dimensioniert und würden verschiedenen kollektiven Nutzungen ausreichend Raum bieten. Kritisch bewertete das Preisgericht die Ausführung und Detailgestaltung der großen Grünstreifen. Der große öffentliche Platz vor Kita/Grundschule und Nachversorgern bilde folgerichtig das Zentrum des neuen Wohngebietes; könne allerdings hinsichtlich seiner räumlichen Fassung und Baumgestaltung noch nicht überzeugen. Die Aufenthaltsqualität sei vor allem im nördlichen Platzbereich noch nicht ausreichend gegeben. Besonders lobten die Preisrichter das anvisierte Mobilitätskonzept: Im Sinne des Shared Space soll der motorisierte Individualverkehr weitgehend reduziert werden, u.a. durch Einbindung in das ÖPNV-Netz, ein gutes Fuß- und Radwegenetz sowie Car-Sharing-Autos. Die Verknüpfungen zu den bestehenden Stadtteilen im Osten mit Unter- und Überführungen der S-Bahn sowie die Verkehrsanbindung im Süden müssten noch optimiert werden. Auch das Konzept mit passiven Lärmschutzmaßnahmen auf den Straßen- und Bahnlärm zu reagieren, wurde begrüßt. Insgesamt, so das Preisgerichtsurteil, entstehe ein „vielfältiges neues Quartier mit klarer Adressbildung, gemischten Wohnatmosphären und einer deutlichen Mitte.“

Holl-Wieden Partnerschaft Architekten und Stadtplaner aus Würzburg, mit GTL Michael Triebswetter Landschaftsarchitekt aus Kassel erhielten für ihren Entwurf den zweiten Preis zugesprochen. Die Verfasser schlagen ein neues Quartier mit etwa drei gleich großen Schollen vor, die von weiten Freiräumen umgeben sind. Das großzügige Grün ermögliche eine schlüssige Fortsetzung des Helixparks nach Süden sowie eine optimale Anbindung an die inneren Freiräume. Auch das vorgeschlagene Wegenetz, das Rodgau-West gut in das räumliche Umfeld einbindet, sowie die Lage des Quartierszentrums mit Schule, Turnhalle und Geschäften überzeugten die Preisrichter, wenngleich letzteres noch prägnanter räumlich in Erscheinung treten sollte. Die einzelnen Teilquartiere seien gut organisiert: Um den Quartiersplatz gruppieren sich überschaubare Nachbarschaften mit gemischten Wohnformen. „Mieter und Eigentümer leben selbstverständlich zusammen, Einfamilienhäuser und Geschosswohnungen verbinden sich zu einem logischen Ganzen.“, lobte das Preisgericht. Der teilweise bis ins private Umfeld reichende Autoverkehr hingegen wurde kontrovers diskutiert. „So gut das Quartier in Freiräume eingebunden und mit der Umgebung vernetzt ist, so unvollkommen präsentiert sich das Erschließungssystem.“, so die Preisrichter. Dennoch sei es den Verfassern gelungen einen „prägnanten städtebaulichen Beitrag vor(zulegen), der großzügige Freiräume und sozial gemischte Nachbarschaften verspricht.“

Das Konzept der drittplazierten Arbeit von happarchitecture und tobeSTADT städte.bau.planung.dialog, beide aus Frankfurt, mit der WGF Objekt Landschaftsarchitekten GmbH aus Nürnberg verfolgt konsequent die städtebauliche Verknüpfung des neuen Quartiers mit den Stadtteilen Jüdesheim und Hainhausen sowie mit den angrenzenden Landschaftsräumen. Signifikant für den Entwurf ist der von Norden nach Süden verlaufende Alleebogen, der auch die Hauptverkehrserschließung in Nord-Süd-Richtung bildet. Die Quartiersmitte mit Markthaus, Schule und angrenzendem Park sowie die fußläufige Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel sorgen für eine Belebung des Zentrums, die zwei grünen Plätze mit den zwei Kitas für Aufenthalts- und Treffpunktqualitäten. Positiv bewerteten die Preisrichter auch, dass der Durchgangsverkehr durch bewusste Brüche in der Kfz-Erschließung vermieden wird. Insbesondere die klare Struktur der rechteckigen Baufelder wurde gelobt: Diese schaffe „Nachbarschaften mit zentralen grünen Nachbarschaftshöfen und erlaub(e) eine flexible modulare bauliche Entwicklung“. In der Trennung der Einfamilienhausstruktur und der Blockstruktur des Mehrfamilienwohnungsbaus vermisst das Preisgericht jedoch die soziale Durchmischung.

Auf dem vierten Platz landeten Thomas Schüler Architekten Stadtplaner aus Düsseldorf in Zusammenarbeit mit Faktorgruen – Landschaftsarchitekten aus Freiburg. Ihr Entwurf sieht eine Verknüpfung des neuen Quartiers mit den Stadtteilen Jügesheim und Hainhausen mittels eines T-förmigen Grünzugs vor. Die Hauptwegeverbindung im Quartier erfolgt über eine Ringstraße. Diese erschließt zentral die jeweils zu Clustern zusammengefassten Wohngruppen. Jedes Cluster besitzt zudem einen kleinen günstig gelegenen öffentlichen Platz, der zur zentralen Grünachse geöffnet ist. Dadurch entstehe „eine spannungsreiche Verzahnung“, so die Preisrichter. Die Lage des Einzelhandels, der Schule und Sporthalle am nördlichen Quartierseingang wurde kontrovers diskutiert. 

Das Preisgericht empfahl einstimmig, das Projekt auf der Grundlage der mit dem ersten Preis prämierten Arbeit zu realisieren unter Berücksichtigung der genannten Anmerkungen.  

Lena Pröhl