Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Campus Geisenheim

Preisträger

1. Preis: Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH, Frankfurt/Main mit Die Landschaftsarchitekten Bittkau-Bartfelder und Ing. GbR, Wiesbaden

€ 38.000

Ferdinand Heide, Petra Bittkau
Mitarbeit: Vjekoslav Buha, Daniel Pfeifer, Johanna Moraweg, Magdalena Zepf

2. Preis: rheinflügel severin, Düsseldorf mit el:ch landschaftsarchitekten GbR, München

€ 23.000

Björn Severin, Elisabeth Lesche
Mitarbeit: Giuletta Elders, Anastasia Werschinin, Taro Ozaki, Julia Kattinger, Kilian Paterson, Elias Kegler, Olivia Giorgi
Fachberater: bueroKleinekort I strategische Campusentwicklung, Prof. Volker Kleinekort, Wiesbaden

3. Preis: sinnig architekten, Darmstadt, mit BIERBAUM:AICHELE.landschaftsarchitekten PartG, Frankfurt/Main

€ 16.000

Norbert Sinning, Klaus-Dieter Aichele
Mitarbeit: Masoomeh Mostaan, Nazanin Mehregan, Jan Klein, Young Eun Ha, Burkhard Elfers, Rebecca Faller, Konrad Deines, Frank Wiegemann, Sandino Conzendorf

Anerkennung: Büro für Städtebau Torsten Becker, Frankfurt/Main, mit Adler+Olesch landschaftsarchitekten + Ingenieure, Mainz

€ 9.000

Torsten Becker, Stefan Bitter
Mitarbeit: Mareike Borkeloh, Frank Kübler, Carolin Morell, Ule Ruhland, Lara Birk, Eva Willms, Anne-Kathrin Busche

Anerkennung: Trojan Trojan + Partner, Darmstadt mit LATZ+Partner, Kranzberg

€ 9.000

Prof. Klaus Trojan, Verena Trojan, Tilman Latz
Mitarbeit: Enis Özarten, Desislava Zhecheva, Volker Ihm, Julius Peisl

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Stadtplanung
Landschaftsarchitektur
Wettbewerbsform Offener, einphasiger Realisierungswettbewerb
Preisgerichtssitzung 12.07.2016
Ort Geisenheim
Auslober Land Hessen
Betreuung scheuvens + wachten Planungsgesellschaft mbH, Dortmund
Preisrichter Prof. Michael Koch (Vorsitz), Prof. Gesche Grabenhorst, Prof. Anne Beer, Hiltrud Lintel, Sebastian Burger, Ulrike Berendsen-Manderscheid, Irene Bauerfeind-Roßmann/Thorsten Schmidt, Guido Brennert, Frank Kilian/Klaus Großmann, Prof. Dr. Hans Reiner Schultz, Thomas Platte

Erweiterung eines historischen Campus

Neuordnung Campus Geisenheim

Die Hochschule Geisenheim ist die jüngste hessische Hochschule, in ihrer jetzigen Form existiert sie erst seit 2013. Dennoch hat sie eine lange Geschichte: Freiherr von Lade gründete die „Königlich preußische Lehranstalt für Obst- und Weinbau“ bereits 1872 in Geisenheim. Ein Jahrhundert später, 1972, wurde sie in die damals neu gegründete Fachhochschule Wiesbaden (heute Hochschule RheinMain) integriert. Angesichts der Neugründung vor drei Jahren erfolgte eine strategische Neuausrichtung, drei Studiengänge wurden bereits neu etabliert und bis 2020 will die Hochschule auf 1.800 Studierende wachsen.

Der rund 16,3 ha große Campus ist in die Stadt integriert und geht im Westen in die Weinberge über. Er wird durch die von-Lade-Straße von Nord nach Süd und durch eine Bahnlinie von West nach Ost durchschnitten. Der Kernbereich des Campus liegt nördlich der Bahnlinie. Im Nordosten grenzt an diese eine historische, unter Denkmalschutz stehende Gartenanlage. Nördlich davon stehen Lehr- und Forschungseinrichtungen sowie ein 1999 gebautes markantes Hörsaal-, Bibliotheks- und Mensagebäude. Westlich der von-Lade-Straße erstreckt sich der größte Bereich „Muttergarten“. Hier wird das Bild durch das von Staab Architekten geplante, 2009 fertiggestellte, zentrale Labor- und Institutsgebäude geprägt. Darüber hinaus bestimmen die zahlreichen denkmalgeschützten Gebäude und Freiflächen den Charakter des Geländes.

Ziel des nun entschiedenen, vom Land Hessen ausgelobten, städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerbs war die Erarbeitung eines Konzepts für die zukünftige Campusentwicklung, inklusive der Gestaltung der Freiflächen im östlichen Campusbereich, Neuorganisation des westlichen Bereichs, Schaffung eines adäquaten, repräsentativen Eingangs, Verbesserung der Verbindung zwischen den einzelnen Campusbereichen, Organisation der Erschließung sowie der Ausweisung zusätzlicher Stellplätze. Teilnahmeberechtigt waren Stadtplaner / Städtebauarchitekten und/oder Architekten in bindender Bewerbergemeinschaft mit Landschaftsarchitekten. Betreut wurde der Wettbewerb von scheuvens + wachten Planungsgesellschaft mbH aus Dortmund, Vorsitzender des Preisgerichts war Prof. Dr. Michael Koch.

Das Preisgericht vergab einstimmig drei Preise und zwei Anerkennungen. Den ersten Preis erhielt die Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH aus Frankfurt/Main in Gemeinschaft mit Die Landschaftsarchitekten Bittkau-Bartfelder und Ing. GbR aus Wiesbaden. Sie schlugen zusammenhängende, sukzessive zu entwickelnde Baufelder in einer parkartigen Umgebung vor. Dieses „Gewebe aus Clustern und Nutzungen“ sei „gleichsam stabil für Entwicklung und flexibel für Anpassungsbedarfe“, so die Einschätzung des Preisgerichts. Der zukünftige Campus entwickelt sich zwischen der historischen Parkanlage im Osten und der Parkanlage um die klassizistische Villa Monrepos, dem ehemaligen Wohnsitz des Hochschulgründers Freiherr von Lade, im Südosten. Den neuen Eingang markiert ein Platz an der von-Lade-Straße; er öffnet sich zur Stadt und verbindet die beiden Campusbereiche über die Straße hinweg. Gefasst wird er durch zwei Neubauten. Zusammen mit einem weiteren Ersatzbau auf der Ostseite des Campus bilden sie „eine Spange, die maßstäblich die historischen Gebäude und Raumfolgen im Ostcampus zusammenführen und die eigene Identität des historischen Campus sensibel weiterentwickeln und stärken kann“, so die Preisrichter, die besonders die Freiraumqualitäten anerkannten.

Die Erweiterung des Westcampus orientiert sich mit Maßstab und Ausrichtung am Labor- und Institutsgebäude von Staab Architekten. Klar strukturierte Baufelder mit einfachen Kubaturen werden westlich von diesem ergänzt. Eine Ausnahme bilden zwei Bauten weiter südlich. Sie sind durch eine Brücke über die Bahnlinie hinweg verbunden und schaffen so eine bessere Anbindung des Bereichs südlich der Gleise. Die vorgeschlagenen Bauphasen sind aus Nutzersicht stringent und realistisch. Insgesamt entstehe „über sensible Setzungen und signifikante Gestaltung, sowohl in der städtebaulichen Struktur als auch in der vorgeschlagenen Haltung der folgenden Architekturprojekte, ein Ensemble hoher Funktionalität, Raumqualität und Identität“, so das Fazit der Preisrichter.

Mit dem zweiten Preis wurde der Entwurf der Arbeitsgemeinschaft rheinflügel severin aus Düsseldorf und el:ch landschaftsarchitekten GbR aus München ausgezeichnet. Sie entwickeln ihre städtebauliche Idee über die von West nach Ost verlaufende, zentrale Promenade. Von Nord nach Süd bindet ein zusätzlicher, parallel zum Labor- und Institutsgebäude und zur vorhandenen Bebauung geführter Weg die Villa Monrepos im Süden der Bahnlinie an. Das neue Herzstück des Campus bilden die Gewächshäuser zusammen mit dem Muttergarten. „Die bauliche Rahmung erfolgt auf schlüssige Art und Weise“, urteilte das Preisgericht. Charakteristisch für den Entwurf sei die Nutzungsentwicklung nach Westen. Die Bauabschnitte entwickelten die Verfasser „durch schlüssige, orthogonale Baufelder, die eine sukzessive Umsetzung logisch ermöglichen“. An der Kreuzung der beiden Wege entstehe „ein gut proportionierter Platz als Gelenk- und Treffpunkt“ und im östlichen Campusbereich gelinge den Verfassern „durch Freistellung und behutsame Ergänzung der historischen Bausubstanz eine neue Adressbildung“. Die neuen Gebäude werden in eine grüne Grundstruktur, die die Idee des bestehenden Landschaftsgartens weiterentwickelt, hineingestellt, wodurch „der Versiegelungsgrad unter Wahrung des vorhandenen Baumbestandes angenehm reduziert wird“. Das neue Hörsaalgebäude als westlicher Abschluss des östlichen Campusbereichs sei „richtig positioniert“ und bilde „ein gutes Gegengewicht zum Mensa- und Bibliothekskomplex“ im Osten, so das Preisgericht, das den Entwurf für die „klare Neuordnung des sehr heterogenen Bestandes und die sensible Einbindung in die reizvolle landschaftliche Umgebung“ lobte.

Der dritte Preis ging an sinning architekten aus Darmstadt und BIERBAUM.AICHELE.landschaftsarchitekten PartG aus Frankfurt am Main. Leitidee ihres Entwurfs ist ein T-förmiges Erschließungssystem, das in Ost-West-Richtung einen Boulevard bildet, von dem gen Süden eine zweite Achse zur Villa Monrepos abzweigt. Die Endpunkte bilden im Westen drei frei angeordnete Neubauten mit Wohnungen für Studierende und im Süden ein Aussichtspunkt gegenüber der Villa. Im östlichen Campusbereich wird die Verwaltung durch den Abriss zweier historischer Gebäude freigestellt und um weitere Nutzungen wie Hörsaalgebäude, Kita und einen Aula-Neubau ergänzt. Die Preisrichter würdigten die „sensible Anordnung“ der Erweiterungsbauten und die daraus entstehenden Freiräume. Durch die Vernetzung der Freiräume, auch mit dem angrenzenden Muttergarten, entstünden Qualitäten, „die für den Campus identitätsstiftend“ seien. Ihr Fazit: „Mit ihrer feinfühligen Vernetzung von Freiflächen und Baukörpern stellt die Arbeit im Gesamtteilnehmerfeld einen wichtigen Beitrag dar. Von hohen Aufenthaltsqualitäten und einer erheblichen Verbesserung der Wahrnehmbarkeit der Hochschule ist bei einer Realisierung auszugehen.“

Die beiden Anerkennungen gingen an die Arbeitsgemeinschaft Büro für Städtebau Torsten Becker aus Frankfurt zusammen mit Adler+Olesch landschaftsarchitekten + Ingenieure aus Mainz und die Arbeitsgemeinschaft Trojan Trojan + Partner Architekten + Städtebauer aus Darmstadt zusammen mit LATZ+PARTNER LandschaftsArchitekten Stadtplaner aus Kranzberg.

Das Preisgericht empfahl einstimmig, die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit zur Grundlage der weiteren städtebaulichen und freiräumlichen Entwicklung zu machen. Dazu sollte das Verfasserteam mit den in der Ausschreibung erwähnten Planungen beauftragt werden.

Auf der Grundlage des Wettbewerbsergebnisses sollen nun zeitnah Hochbauwettbewerbe für die Neubauten ausgelobt werden.

Kerstin Mindermann