Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

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Campus Westend J. W. Goethe-Universität, Frankfurt/Main, 1. Bauabschnitt

Preisgerichtsentscheidung liegt vor
Fachrichtung Hochbau
Innenarchitektur
Wettbewerbsform Einstufiger, begrenzt offener Realisierungswettbewerb in Form eines interdisziplinären Architekten- und Ingenieurwettbewerbs mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren
Preisgerichtssitzung 10.12.2004
Ort Frankfurt/Main
Auslober Land Hessen
Betreuung [phase eins], achatzi hossbach & lehmhaus, Berlin
Preisrichter Prof. Dr.-Ing. Klaus Humpert (Vorsitz), Prof. Roland Burgard, Prof. Dr.-Ing. Werner Durth, Prof. Dr.-Ing. M. Norbert Fisch, Prof. Barbara Jakubeit, Prof. Ulrike Lauber, Prof. Manfred Ortner

Eine Vision – vier Handschriften
Wettbewerb für den ersten Bauabschnitt des Campus Westend entschieden

Die Pläne sind ehrgeizig im besten Wortsinn: Nach dem Willen des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst soll die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt bis 2015 schlicht die modernste Hochschule Deutschlands werden. Dazu werden die bislang meist über die Stadt verstreuten Fachbereiche zusammengeführt: Auf dem Campus Riedberg sollen künftig die Naturwissenschaftler synergetisch forschen. Der Campus Westend wird die Heimat der Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Und Niederrad wird Medizin-Campus. Das Ministerium treibt das ambitionierte Projekt zügig voran. Einzelne Wettbewerbe sind schon entschieden, der Masterplan für den Campus Westend steht.

Nun sind seit kurzem dort auch die Weichen für den ersten von drei Bauabschnitten gestellt – durch einen Realisierungswettbewerb, der für einige Superlativen gut war: Insgesamt 17 Preise und vier Ankäufe vergab das Preisgericht, das in einer intensiven, zweitägigen Marathonsitzung unter 46 Arbeiten nach der einen optimalen Lösung für das rund 120 Millionen Euro schwere Vorhaben gesucht hatte – und gleich vier gefunden hat. Letzteres lag allerdings daran, dass keine Arbeit ein insgesamt überzeugendes Konzept für die fünf geplanten Solitäre anbieten konnte. Konsequenz: Die Preisrichter prämierten die Teilprojekte jeweils separat.

Möglich war das, weil die Vorgaben durch den städtebaulichen Rahmenplan klar definiert waren: Die Gebäude, die nördlich des IG-Farben-Hauses dreiachsig in einer Parklandschaft entstehen, greifen den hellen Travertinstein der Fassade des Hans-Poelzig-Gebäudes auf, beschränken sich auf wenig Glas und klare Raumkanten. Dieses Korsett schien Kritikern im Vorfeld zwar zu eng. Und auch unter den Preisrichtern wurde das kontrovers diskutiert. Doch im Nachhinein kann man sagen, dass nur so der Spagat zwischen individueller Handschrift der einzelnen Architekturbüros und dem Ensemblecharakter mit dem Denkmal geschützten IG-Farben-Bau gelungen ist. Ganz nach dem Vorbild des Pariser Platzes in Berlin, wo eine Gestaltungssatzung gleichfalls Einheitlichkeit garantierte.

Das neue Hörsaalzentrum wird nach den Plänen von Ferdinand Heide realisiert. Der Frankfurter hatte bereits 2003 den städtebaulichen Realisierungswettbewerb für sich entschieden. Sein Gebäude wird das Herzstück des Areals – ein massiver Bau, dem die unregelmäßig eingeschnittenen Fenster eine eigene Charakteristik verleihen. In Richtung Campusplatz steht der Steinkubus gleichsam auf einem gläsernen Sockel. Von diesem Hauptzugang führt dann wie selbstverständlich als eine Art Passage durch das Haus.

Für das House of Finance überzeugte der Vorschlag von Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH, Dülmen-Rorup, die schon als Protagonisten des Pariser Platzes Erfahrung mit strengen Vorgaben sammelten. Das Gebäude am Ostrand des Grüneburgparks bildet den Auftakt des Ensembles. Der schlicht geformte Kubus zeichnet sich durch eine zweigeschossige Eingangshalle und einen überdachten Lichthof aus, der zugleich als Foyer für Hörsäle und Seminarräume dient.

Der Neubau für die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften wird nach den Vorstellungen der Berliner Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH umgesetzt, aus deren Feder unter anderem die Pläne für das Außenministerium in Berlin stammen. Sie gliedern das Haus in zwei Teile: Beide Institutsgebäude setzen auf einem gemeinsamen Sockel auf, werden durch diesen verbunden, wirken durch den Versatz aber angenehm aufgelockert. Ein großzügiges Foyer führt zu Bibliothek und beiden Institutsbereichen. Das Preisgericht lobt vor allem die hohe Funktionalität.

Den ersten Preis für die Errichtung des gemeinsam von der Evangelischen und Katholischen Kirche getragenen Studierendenwohnheims sicherte sich das Münchener Büro pmp. Nördlich des Hörsaalzentrums gelegen, werden auch hier die fünfgeschossigen Einzelgebäude mit Potenzial für WG-Feeling durch ein Sockelgeschoss verbunden. Lob fand die sympathische Fassadengliederung.

Nur für den fünften Solitär, den Casino-Anbau, fand sich kein Sieger. Das Preisgericht vergab vier dritte Preise und mahnte Nachbesserungen an. Doch auch hier wird sich wie bei den anderen Entwürfen letztlich ein Konzept herauskristallisieren, dem die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne, Individualität und Ensemblegedanke gelingt – zumal sich alle Preisträger schon in Abstimmungsprozessen befinden.