Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

zur Detailseite

Neugestaltung des Bereichs „Ehemalige Synagoge / Michelsberg“ in Wiesbaden

Preisträger

1. Preis: Barbara Willecke, Berlin

€ 12.500

Reinhard Angelis, Köln
Mitarbeit:Claudia Zimmermann, Landschaftsarchitektin, Jano Sido
Sachverständige:
Valerie Sass, Freie Künstlerin, Schrebkow

2. Preis: Alt & Britz Architekten, Saarbrücken

€ 11.500

Peter Alt
Mitarbeit: Christian Korczak
Sachverständige:
Pattay + Martin Landschaftsarchitekten, St. Ingbert-Hassel

3. Preis: Hegelmann, Dutt + Kist GmbH, Saarbrücken

€ 6.500

Hanno Dutt
Hepp + Zenner, Saarbrücken
Thomas Hepp
Mitarbeit: Peter Weeg
Sachverständige: Produktdesigner: Büro Hullmann – Gimmler, Frankfurt am Main
Prof. Harald Hullmann, Jörg Gimmler
Lichtdesigner: Scenario Licht- Klangkonzepte, Saarbrücken
Oliver Jene, Tobias Link
Verkehrsplaner: Hupfer Ingenieure GmbH, Niederhorbach
Prof. Dr. Christoph Hupfer

4. Preis Maik Seidel, Berlin

€ 4.500

Mitarbeit: Peter Madundo, Anja Müller, Wiebke Wachmann

Ankauf: Heinrich Lessing, Mainz

€ 3.000

Mitarbeit: Christina Hellhund, Tobias Schneberger, Karolina Kilian
Sachverständige:
Künslerische Beratung: Silvia Willkens, Mainz
Edgar Brück, Wiesbaden
Lichtplanung: Belzner + Holmes [Architektur . Licht . Bühne], Heidelberg
Andrew Holmes
Verkehrsplanung: R+T Topp, Skoupil, Huber-Erler (GbR), Darmstadt
Georg Skoupil

Preisgerichtsentscheidung liegt vor.
Fachrichtung Hochbau
Stadtplanung
Landschaftsarchitektur
Wettbewerbsform Städtebaulicher/Freiraumplanerischer Ideenwettbewerb in Form eines begrenzt offenen Wettbewerbs mit Realisierungsteil und vorgeschaltetem Auswahlverfahren
Preisgerichtssitzung 28.09.2006
Ort Wiesbaden
Auslober Landeshauptstadt Wiesbaden
Betreuung Voegele + Gerhardt Stadtplanung, Karlsruhe
Preisrichter Prof. Hans Dieter Lutz (Vorsitz), Prof. Dr. Salomon Korn, Thomas E.M. Metz, Prof. Donata Valentien, Verena Trojan, Angelika Thiels, Hans Peter Schickel, Hubert Müller, Dr. Boye Claussen, Prof. Dr. Joachim Pös

Anwesenheit des Abwesenden
In Wiesbaden gedenkt man namentlich und architektonisch der Opfer des Holocausts

Orte des Erinnerns werden immer wichtiger – zumal, wenn es um die Zeit des Zweiten Weltkriegs geht, von der heute nur noch eine letzte Zeitzeugen-Generation aus eigener Anschauung Auskunft geben kann. Dabei man muss sich nicht einmal gleich auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin berufen, um Relevanz und Akzeptanz solcher Projekte zu belegen.

In Wiesbaden hat die Weichen für einen solchen Ort ein Verein gestellt, der sich für die Deutsch-Jüdische Geschichte in der Landeshauptstadt engagiert. Mehr als 15 Jahre hat man für das Projekt an der Stelle der ehemaligen Synagoge am Michelsberg, die 1938 in der Reichspogromnacht niedergebrannt und 1939 abgerissen worden war, geworben. Jetzt nimmt es Gestalt an.

Denn der Wettbewerb für die Neugestaltung des Geländes an der Schwalbacherstraße, Ecke Coulinstraße ist entschieden. Gewonnen hat ihn von den 33 Büros, die sich an der Endausscheidung beteiligt haben, die Berliner Landschaftsarchitektin Barbara Willecke zusammen mit dem Kölner Architekten Reinhard Angelis. Knapp, mit sechs zu fünf Stimmen, vergab das Preisgericht – unter anderen prominent besetzt mit dem Architekten und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Salomon Korn – unter Vorsitz von Hans Dieter Lutz den ersten Platz an einen Entwurf, der auf die Präsenz der Absenz setzt: Grundriss und Volumen der Synagoge werden in einer offenen Struktur nachgezeichnet. Platz zwei ging einstimmig an das Saarbrückener Büro Alt & Britz, das ganz im Gegensatz dazu einen kristallinen, expressiven, weil über die Fahrbahn hinausragenden Baukörper vorschlägt.

Bemerkenswert beim Siegerentwurf ist, dass er ebenfalls die Straße mit einbindet. Der Grundriss setzt sich hier in grob gebrochenem Stein fort: Autofahrer und Fußgänger werden den besonderen Ort durch die unterschiedliche Oberfläche also regelrecht spüren bzw. hören. Die Synagoge selbst ist an drei Seiten mit etwa sieben Meter hohen Mauerscheiben aus geschichtetem Naturstein zitiert. Hinzu kommt der umlaufende Fries, der den früheren Gebäudesockel andeutet. An den Wänden sind in Augenhöhe die Namen der deportierten und ermordeten Juden zu lesen. Das leicht zurückgesetzte Schriftband kann bei Dunkelheit beleuchtet werden und soll so an einen abendlichen Gottesdienst gemahnen. Es ist ein offenes Denkmal, dessen „noble Zurückhaltung“ das Preisgericht lobte, durch Bäume und Bänke zusätzlich mit der Umgebung verzahnt.

Für welchen der beiden Entwürfe sich die Stadtverordneten letztlich auch entscheiden – beide Konzepte werden den jetzigen städtebaulichen Unort in eine wichtige Gedenkstätte verwandeln. Zum einen, weil sich die Brache in jedem Fall zu einem Kontrapunkt entwickeln wird zu dem viel befahrenen Verkehrsknotenpunkt, ehemals dominiert durch die inzwischen abgerissene, schlimm anzusehende „Bunte Brücke“ – und wo früher lange Zeit als Höhepunkt der Tristesse ein Bestattungsunternehmen an einer Hauswand für sich warb. Zum anderen, weil der Menschen gedacht wird. Brecht hatte recht: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“