Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Erneuerung der Schiersteiner Rheinbrücke in Wiesbaden

Preisträger

1. Preis: Grontmij BGS Ingenieurgesellschaften, Frankfurt/Main mit Ferdinand Heide, Frankfurt/Main

€ 44.500

Manfred Breidert, Ferdinand Heide
Mitarbeit: Sebastian Schultheis, Alwin Dieter, Peter Dörr, Felicitas Warmuth, Frank Heinen, Norman Berndt, Kaja Kröger

2. Preis: Peter und Lochner GmbH, Suttgart mit ’asp’ Architekten Stuttgart Arat Siegel Schust

€ 26.700

Roland Wetzel, Jochen Siegel
Mitarbeit: Alexander Bauer, Roland Bogenrieder

3. Preis: Krebs u. Kiefer, Darmstadt mit K + R Plan, Darmstadt

€ 17.800

Reimund Hain, Jörg Hendrych, Wolf-Winhart Krug
Mitarbeit: Walter Trautmann, Toralf Zeissler, Martin Schnorr, Davor Grotefend

Preisgerichtsentscheidung liegt vor.
Fachrichtung Interdisziplinäre Wettbewerbe
Wettbewerbsform Begrenzt offener, einphasiger, interdisziplinärer Realisierungswettbewerb mit vorgeschaltetem Auswahlverfahren
Preisgerichtssitzung 13.12.2007
Ort Wiesbaden
Auslober Amt für Straßen- und Verkehrswesen ASV, Wiesbaden
Betreuung Amt für Straßen- und Verkehrswesen ASV, Wiesbaden
Preisrichter Joachim Naumann (Vorsitz), Heinrich Frießem, Willi Kunze, Ulrich Neuroth, Eberhard Pelke, Anett Nusch, Prof. Carlo Weber, Bernd Hölzgen, Dr. Thomas Kortenhaus, Prof. Dr.-Ing. Joachim Pös, Wolfgang Scherz, Norbert Schüler, Prof. Klaus Werk

Oben und unten
Die Schiersteiner Brücke zwischen Wiesbaden und Mainz wird neu gebaut

„Sie fahren oben, wir bauen unten. Deshalb 60 km/h.“ So steht es derzeit auf der Schiersteiner Brücke angeschrieben – der wichtigsten Verbindung zwischen Wiesbaden und Mainz. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man darüber fast lachen: Denn wer von der Mainzer Seite Richtung Wiesbaden oder Frankfurt will, würde sich wünschen, er könnte mal 60 fahren. Der Normalzustand ist: morgens im Stau hin, abends im Stau zurück.

Aber das ist zugleich der Grund, warum Strom- und Verbundbrückenteile der vierspurigen, 1.282 Meter langen Brücke Risse haben. In den 50er Jahren schätzte man eben noch, dass nur 10.000 Autos täglich darüber fahren würden. Heute sind es achtmal so viele – Tendenz steigend. Sechs Prozent davon sind LKWs. Und als wäre das noch nicht genug, kann man bei schlechtem Wetter so gut wie an jedem Abend eines Werktages einen lehrbuchreifen Auffahrunfall begutachten, wie er dort vorkommt, wo Auf- und Abfahrer die gleiche Spur nutzen. Die Folge: noch mehr Stau, noch mehr Belastung.

Ein Neubau der Brücke wird voraussichtlich zwischen 100 und 140 Millionen Euro verschlingen, aus Bundesmitteln. Doch die hohen Reparaturkosten machen das notwendig. Und würde die Brücke gar ausfallen, ein Verkehrsinfarkt im Rhein-Main-Gebiet wäre die Folge.

Beim begrenzt offenen Realisierungswettbewerb, an dem zehn Arbeitsgemeinschaften aus Architekten und Bauingenieuren teilnahmen, die von Balkenbrücken über Schrägseillösungen bis hin zu Zügelgurtüberspannungen alle Varianten anboten, war eine Lösung gefragt, die in zwei Stufen realisierbar ist. Bis 2015 soll stromabwärts eine dreispurige Brücke neben der bestehenden gebaut werden. Dann, nachdem die alte abgerissen ist und der Verkehr über die neue fließt, kommt der zweite Brückenteil im Idealfall bis 2017 hinzu.

Der mit 44.500 Euro dotierte erste Preis ging an die Arbeitsgemeinschaft des Ingenieurbüros Grontmij BGS mit dem Architekturbüro Ferdinand Heide. Die beiden Frankfurter Büros erwiesen sich schon 2006 als „Brückenschläger“. Da belegten sie den ersten Platz beim Wettbewerb für die Mainbrücke Ost in Frankfurt. Ihr Vorschlag für eine vergleichsweise schlanke Balkenbrücke, die sensibel mit der „empfindlichen“ Flusslandschaft und dem Naturschutzgebiet Rettbergsaue umgeht, setzte sich mit zehn zu drei Stimmen durch. Von hessischer Seite zeigte man sich beim Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen, das erstmals einen interdisziplinären Wettbewerb für den Bau einer Autobahnbrücke ausgerichtet hatte, und beim Bundesverkehrsministerium mit Ästhetik, Naturschutz und der Tatsache, dass hier die wirtschaftlichste Lösung vorlag, sehr zufrieden. Von Mainzer Seite favorisierte man hingegen den Entwurf für eine Schrägseilbrücke mit zwei 133 und 172 Meter hohen Pylonen. Der stammt von der Arbeitsgemeinschaft Ingenieurbüro Peter und Lochner mit dem Architekturbüro ASP Architekten aus Stuttgart. Hier votierte das Preisgericht unter Vorsitz von Joachim Naumann mit neun zu vier Stimmen für den zweiten Platz. Der dritte Preis ging an die Arbeitsgemeinschaft Ingenieurbüro Krebs und Kiefer mit dem Architekturbüro K+R Plan in Darmstadt.

Der Siegerentwurf sieht einen gevouteten Hohlkasten aus Stahl vor, bei dem der silberfarbene Anstrich in Kontrast zur dunklen Gestaltung der Fahrbahnplatte tritt. Es soll einen durchgängigen Fußweg neben den Fahrbahnen geben. Das Schmankerl des Projekts aber ist der unter der Brücke angehängte Geh- und Radweg, der von den beiden Rheinufern zur Rettbergsaue führen soll.

Auch wenn die Preisrichter diesen als schwingungsanfällig monierten – mit dem zur jetzigen Situation trefflich passenden oben/unten-Konzept böte die Brücke eine zusätzliche Attraktivität insbesondere für die nicht einmal so wenigen Radfahrer, die sich im Moment in das Verkehrs- und Lärmchaos auf gleicher Ebene mit den Autos wagen. Und dass oben einmal „alles fließt“, hoffen – Balkenbrücke hin, Schrägseilbrücke her – ohnehin alle.