Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

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Neubau Stadtmuseum in Wiesbaden

Preisträger

1. Preis: töpfer.bertuleit.architekten, Berlin

€ 27.000

Sandra Töpfer, Dirk Bertuleit

€ 17.0002. Preis: Auer + Weber + Assoziierte GmbH, Stuttgart

€ 17.000

Christof Teige, Jörn Scholz
Mitarbeit: Timo Kegel, Daniel Hebisch
Fachberater:
EGS Plan, Stuttgart (Energie)

3. Preis: DI Delugan-Meissl Architekten, Wien (A)

€ 11.000

Elke Delugan-Meissl
Mitarbeit: Roman Delugan, Martia Josst, Sebastian Brunke, Oanamaria, Ninica, Claudio Barsan-Pipu

4. Preis: MGF Architekten GmbH, Stuttgart

€ 9.000

Jan Kliebe, Josef Hämmerl
Fachberater:
Jochen Schmelz, (CAD)

Ankauf: HG Merz GmbH, Stuttgart

€ 4.667

Prof. Hans-Günter Merz
Mitarbeit: Markus Betz, Daniel Kuhnert, Thomas Danisinsky
Fachberater:
Knippers Helbig, Stuttgart (Tragwerk)
Transsolar Klimaengeneering, Stuttgart (Klimakonzept)
IB Riesener, Balingen (Brandschutz)

Preisgerichtsentscheidung liegt vor.
Fachrichtung Hochbau
Wettbewerbsform Realisierungswettbewerb als begrenzt offener Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren
Preisgerichtssitzung 05.10.2007
Ort Wiesbaden
Auslober Stadt Wiesbaden mit Beteiligung des Landes Hessen
Betreuung HEGGER HEGGER SCHLEIFF – HHS Planer + Architekten AG, Kassel
Preisrichter Prof. Ulrike Lauber (Vorsitz), Almut Grüntuch Ernst, Prof. Anett Maud Joppien, Prof. Klaus Kada, Prof. Peter Kulka, Prof. Manfred Ortner, Prof. Ernst Ulrich Scheffler, Nadja Letzel, Dr. Helmut Georg Müller, Rita Thies, Prof. Dr.-Ing. Joachim Pös, Hans-Martin Kessler, Helmut Nehrbass, Kirsten Worms, Prof. Dr. Lothar Gall

Lebendige Geschichte
In Wiesbaden wird ein neues Stadtmuseum gebaut

Schon lange träumt man in Wiesbaden von einem Stadtmuseum. Gründe dafür gibt es reichlich. Nicht nur, weil die hessische Landeshauptstadt Deutschlands insgesamt am besten erhaltene Stadt des 19. Jahrhunderts und damit buchstäblich ein Stadtdenkmal des Historismus ist. Sondern weil seit den ersten Siedlungsspuren der Jungsteinzeit um 3000 v. Chr. für die bewegte Folgezeit eine Fülle von Fundstücken auf dem Stadtgebiet existiert: Für „Aquae Mattiacorum“, wie die Römer Wiesbaden nannten, als es zum Mainzer Brückenkopf wurde und erste Thermen entstanden. Für „Wisibada“ – die Bezeichnung wird urkundlich um 828 n. Chr. erstmals erwähnt –, das bereits zu Zeiten der Merowinger Sitz eines Königshofs war und ab dem Spätmittelalter den Grafen von Nassau gehörte. Und natürlich für das 19. Jahrhundert, als sich die 2.500 Einwohner zählende Kleinstadt rasant zu einer Großstadt mit über 100.000 Menschen entwickelte; zum international beliebten Kurort, in dem der große Dostojewski wie so viele andere Kurgäste sein Geld in der Wiesbadener Spielbank am Roulettetisch verlor – was immerhin in seinem rauschhaften Roman „Der Spieler“ mündete.

Ein Neubau mit etwa rund 6.000 qm NF soll die Geschichte angemessen präsentieren. Die Adresse an der viel befahrenen Kreuzung von Rhein- und Wilhelmstraße ist nicht nur durch die Hausnummer 1 eine der ersten in Wiesbaden. Sie bildet zum einen die südöstliche Ecke des historischen Fünfecks, das die Altstadt strukturiert. Hier beginnt der Übergang zu den östlichen Villengebieten, und von hier (allerdings unmittelbar angrenzend an ein Parkhaus und ein Bankgebäude von bedingter Schönheit) geht es in Richtung Warmer Damm und Kurhaus. Zum anderen steht der Neubau dann dem Landesmuseum gegenüber – unlängst zum „Museum des Jahres 2007“ gekürt – und bildet fortan mit diesem eine Art „Tor“-Situation.

Den beschränkt offenen Realisierungswettbewerb für das Stadtmuseum hat das Berliner Büro töpfer.bertuleit.architekten gewonnen. Die Preisrichter unter Vorsitz von Prof. Ulrike Lauber stimmten unter den 46 Teilnehmern für das Konzept von zwei gleich großen Kuben, die durch einen gläsernen Querriegel durchbrochen werden. Das 30 mal 70 Meter lange und 18 Meter hohe Gebäude bezieht sich auf die Bauflucht des Landesmuseums und in der Tiefe auf die Proportionen dessen Nordflügels. Der zweite Preis ging an Auer + Weber + Assoziierte GmbH aus Stuttgart für ihren langen, kompakten Baukörper mit markanter Glasfassade. Und auf den dritten Platz kamen die Wiener DI Delugan-Meissl Architekten. Sie favorisierten einen polymeren Solitär mit skulpturalen und fast futuristischen Zügen.

Beim Siegerentwurf wird die zurückhaltende Gleichförmigkeit des Baukörpers durch die offene, sehr rhythmische Gestaltung mit schlanken Säulen und einer zurückversetzten Glasfassade quasi als Arkade hin zu „Rue“ und Rheinstraße aufgehoben. Man kann so schon von außen die überdimensionale Freitreppe sehen, die an mehreren Stellen als Sitzmöglichkeit konzipiert ist, und die architektonischen Reize und die Lebendigkeit im Inneren erahnen. Das einladende Foyer fällt ebenso wie die Erschließung großzügig aus. Die Funktionalität der Ausstellungsräume ist gut, die Exponate können durch vorhandenen Spielraum in Szene gesetzt werden. Die Außenanlagen (begehbare Freiflächen, Stellplätze, Anlieferung) werden als Tableau verstanden, aus dem heraus der Baukörper wächst.

Probleme bereiteten den Preisrichtern allerdings der etwas versteckte Zugang zu den Wechselausstellungen und die Hinführung in die eigentliche Ausstellung wie auch in die weiteren Ausstellungsgeschosse. Weiter wurde vom Preisgericht die Frage aufgeworfen, ob der behandelte Sichtbeton dem Ort angemessen ist. Und sehr kontrovers wurde letztlich die Fassadengestaltung diskutiert – inwiefern die rhythmisierenden Einzelelemente im Kontrast zu den geschlossenen Bereichen mit der Aufgabenstellung eines Stadtmuseums vereinbar sind.

Vereinbar wird das Museum aber auf jeden Fall mit den inhaltlichen Vorgaben hinsichtlich der Dauerausstellungen sein. Die basieren auf der Grundlage des Museums- und Bühnengestalters Hans Dieter Schaal. Vorgesehen sind drei Abteilungen: erstens von den Anfängen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Zweitens die große Zeit als Kurstadt. Und drittens das 20. Jahrhundert inklusive der aktuellen Situation. Wie auch immer die weitere Umsetzung aussehen wird, Gründungsdirektor Hans-Jörg Czech kann sich sicher sein, dass die traditionsreiche Sammlung Nassauischer Altertümer, die im neuen Stadtmuseum aufgehen wird, hinreichend transparent präsentiert wird – als und in einem Stück lebendiger Geschichte.

(Modellfotos der Preisträger- und Ankaufsarbeiten:
Constantin Meyer, Köln)