Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

"Perspektiven für Amöneburg" in Wiesbaden

Preisträger

Rang: Stadtregionaler Rahmenplan

scheuvens + wachten, Dortmund mit Agence Ter Landschaftsarchitekten, Karlsruhe

Prof. Rudolf Scheuvens, Prof. Kunibert Wachten, Jens Cüppers, Stefan Hartlock
Prof. Henry Bava, Minh-Chau Tran

Rang: Lokaler Rahmenplan

Henk Döll-atelier voor bouwkunst, Rotterdam mit coido architects, Hamburg und topotek 1, Berlin

Markus Freigang
Jan-Henning Ipach
Martin Rein-Cano

Preisgerichtsentscheidung liegt vor.
Fachrichtung Hochbau
Stadtplanung
Landschaftsarchitektur
Wettbewerbsform Städtebaulicher Ideenwettbewerb als Einladungswettbewerb im kooperativen Verfahren
Preisgerichtssitzung 14.09.2007
Ort Wiesbaden
Auslober Amöneburg-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Wiesbadener Bürgerstiftung und dem Stadtplanungsamt
Betreuung Pesch + Partner, Herdecke
Preisrichter Prof. Jochem Jourdan, Prof. Günther Vogt, Prof. Tobias Wulf, Peter Bitsch, Walter von Lom, Prof. Karl Ganser, Dr. Klaus Dyckerhoff, Thomas Metz, Prof. Dr.-Ing. Joachim Pös, Renate Freund

Ein Schuh für Aschenputtel
Neue Perspektiven für den Wiesbadener Stadtteil Amöneburg

Wenn es so etwas wie ein Aschenputtel unter den Wiesbadener Stadtteilen gibt, dann hätte Amöneburg sicherlich ausgezeichnete Chancen auf den Titel. Der vergleichsweise junge Ortsteil ist im Wesentlichen industriell geprägt: vom riesigen Industriepark Kalle-Albert mit seinen über 6.000 Arbeitsplätzen und von der Dyckerhoff AG, dem Stammwerk des zweitgrößten Zementherstellers in Deutschland. Die triste Wiesbadener Landstraße verläuft als Hauptstraße durch das Gebiet auf der einen Seite parallel zu den Fabrikanlagen und auf der Seite zur Bahnlinie – um dann, gesäumt von unvermeidbaren Gebraucht- und Neuwagenhändlern, in ein Wohngebiet sehr unterschiedlicher Qualität überzugehen. Einen Ortskern gibt es nicht, der Rhein ist in unmittelbarer Nähe – zugleich aber an vielen Stellen unerreichbar verbaut.

Soweit die stiefmütterliche Gegenwart. Auf ein echtes Aschenputtel aber wartet der Prinz. Und der kommt in Gestalt eines Ideenwettbewerbs daher, ausgelobt von der Dyckerhoff-Stiftung und der Stadt Wiesbaden. Fünf internationale Teams aus Stadt- und Landschaftsplanern waren eingeladen, neue Perspektiven für Amöneburg aufzuzeigen. Was alle vier Büros, die letztlich teilnahmen, in großer Bandbreite leisteten.

Das Preisgericht votierte hinsichtlich des stadtregionalen Rahmenplans für die Vorschläge des Dortmunder Büros scheuvens + wachten, die gemeinsam mit den Karlsruher Agence Ter.de Landschaftsarchitekten angetreten waren. Kernstück ist ein Stadt-Land-Boulevard am Rand des Siedlungsraums, der den Weg vom Rheinufer zur Wiesbadener Innenstadt symbolisch überhöht. Er bietet immer wieder Ausblicke in die (Agrar)Landschaft und umgibt die Hangkante des Dyckerhoffbruchs, wobei das ganze Haldengebiet als Erlebnislandschaft dargestellt werden soll. Hinzu kommt die Schaffung einer Rheinpromenade, die Amöneburg besser mit seinen benachbarten Stadtteilen Kastel und Biebrich bzw. auch noch bis nach Kostheim und Schierstein entlang des Ufers verbindet – was ganz im Sinne der Stadt Wiesbaden ist, die daran arbeitet, die zehn Kilometer lange städtische Uferstrecke stadtplanerisch zu verbessern. Für den Entwurf sprachen auch viele andere gelungene Elemente, etwa die Gestaltung der Rheinterrassen oder das geschickt in Szene setzen von Zeugnissen der Industriegeschichte wie die Wärmetauscher bei Dyckerhoff.

Henk Döll-atelier voor bouwkunst aus Rotterdam mit coido architects, Hamburg, und topotek 1, Berlin, soll den lokalen Rahmenplan konkretisieren. Dieser Entwurf hatte einige ungewöhnliche Ideen zu bieten. Zum einen wird ein Weg nach Wiesbaden durch das Gewerbegebiet Petersweg gesucht. Zum anderen soll das Ortszentrum in Richtung Mainz-Kastel in den Bereich der großen Polizeikaserne rücken – was im Preisgericht kontrovers diskutiert wurde. Dorthin soll ein neuer, zentraler Weg führen, beginnend beim Dyckerhoff-Gelände. Der mündet allerdings kurz vor dem Ziel noch einmal in eine Unterführung – für eine identitätsstiftende Route nicht ganz optimal. Ein weiterer Vorschlag ist eine neue Rad- und Fußgängerbrücke. Sie soll zur im Rhein liegenden Petersaue führen und von dort weiter zum Mainzer Zollhafen-Quartier. Der nördliche Landschaftsraum wird zum Freizeitpark inklusive eines Hippodroms. Der Industrie werden bei diesem Konzept alle Entwicklungsmöglichkeiten gelassen. Insgesamt kommt es bei den weiteren Ausführungen der beiden Rahmenpläne vor allem darauf an, das neue Zentrum weiter zu entwickeln, den Ausgleich zwischen Wohnen und Arbeiten zu finden und Amöneburg insgesamt „näher“ an den Rhein zu rücken.

Für die hessische Landeshauptstadt sind die Perspektiven für Amöneburg gleich doppelt wichtig: Einmal für das übergreifende Projekt „Regionalpark Wiesbaden“ und zum anderen hinsichtlich der Bewerbung für die BUGA 2021. Wenn also der Schuh, den Aschenputtel Amöneburg jetzt angepasst bekommt, gut sitzen sollte, dann könnte es auch hier zu einem märchenhaften Happy-End kommen.