Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

Ehemalige Synagoge Universitätsstrasse, Marburg

Preisträger

1. Preis: scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf

€ 5.000

Matthias Funk, Hiltrud Lintel, Prof. Rainer Sachse mit Oliver Gather, Düsseldorf (Künstler, Bildhauer)
Mitarbeit: Kerstin Gehring, Judith Pfahler, Judith Koch, Stefanie Trobisch, Marvin Müller

3. Preis: Barbara Willecke, planung freiraum, Berlin

€ 2.500

mit Andreas Süß (Künstler, Kommunikationsdesigner)
Mitarbeit: Jana Sido, Leonie Rhode, Clara Jäckel, Frank Skupin

3. Preis: Sinai.Faust.Schroll.Schwarz Freiraumplanung+Projektsteuerung GmbH, Berlin

€ 2.500

mit STOEBO_kunst_ausstellung_media, Cisca Bogman & Oliver Störmer, Berlin
Mitarbeiter: Maja van der Laan, Maja Neumann, Henning Pagels, Theresa Fehrmann

Preisgerichtsentscheidung liegt vor.
Fachrichtung Hochbau
Wettbewerbsform Einstufiger Realisierungswettbewerb in Form eines Einladungswettbewerbs
Preisgerichtssitzung 30.09.2009
Ort Marburg
Auslober Magistrat der Universitätsstadt Marburg
Betreuung Magistrat der Universitätsstadt Marburg
Preisrichter Klaus Bierbaum (Vorsitz), Tilmann Latz, Prof. Anke Mensing, Prof. Dr. Katharina Krause, Egon Vaupel, Amnon Orbach, Monika Bunk

Gedenkgarten
Wo einst die Synagoge stand, entsteht in Marburg eine Erinnerungsstätte

Eigentlich ist es ein Ort des Gedenkens. Hier stand einst die jüdische Synagoge von Marburg, eingeweiht 1897, zerstört in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Doch trotz eines Gedenksteins aus dem Jahr 1963 wirkt die etwas über 1.300 qm große Freifläche im dicht bebauten Herzen Marburgs eher wie eine Baulücke, deren Sinn sich nicht auf Anhieb erschließt. Das liegt an der bruchstückhaften Inszenierung dieses historischen Ortes, ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass das Areal direkt an der Universitätsstraße liegt – eine zentrale Verkehrs- und Einkaufsstraße, die andere Maßnahmen der Aufmerksamkeit erfordert.

Deshalb haben sich die Stadt Marburg und die Jüdische Gemeinde, beide Eigentümerinnen des Geländes, entschlossen, dort für rund 400.000 Euro eine angemessene Gedenkstätte zu errichten – zumal man 2008 bei Ausgrabungsarbeiten feststellen konnte, das einiges von der Originalsubstanz der Synagoge noch im Boden erhalten geblieben ist: die Fundamente der Umfassungsmauer und der vier Pfeiler des Synagogenraums etwa oder das Reinigungs- und Tauchbad (Mikwe).

Beim dazu ausgeschriebenen freiraumplanerischen und künstlerischen Realisierungswettbewerb ging es nicht darum, die Synagoge zu rekonstruieren. Aber die Ausgrabungsergebnisse sollten als Grundlage dienen für eine neue Gedenkstätte, die über die Synagoge und die geschichtlichen Ereignisse informiert, die den Platz als früheren Ort jüdischen religiösen Lebens würdigt und zudem mit einer ansprechenden Aufenthaltsfläche einladen soll, hier zu verweilen. Neun Landschaftsarchitekten/Architekten waren in Kooperation mit einem Künstler zum Wettbewerb eingeladen.

Gewonnen hat ihn das Düsseldorfer Büro scape in Zusammenarbeit mit dem Künstler Oliver Gather, ebenfalls Düsseldorf. Die Preisrichter unter dem Vorsitz des Landschaftsarchitekten Klaus Bierbaum entschieden sich einstimmig für die überzeugende und konsequente Idee eines „Garten des Gedenkens“. Die Stadtmauerböschung wird visuell bis zur Universitätsstraße verlängert, ein Rosenfeld – in Anspielung auf die Rolle der Rose in Jerusalem – umgibt vor einem grünen Hintergrund einen zentralen Terrassenraum. Neben dem ersten Preis wurden zwei dritte Preise vergeben. Diese gingen an die Berliner Landschaftsarchitektin Barbara Willecke und den Künstler und Kommunikationsdesigner Andreas Süß für einen Entwurf, bei dem die Synagoge durch eine abstrakte Raumskultpur angedeutet wird, sowie für Sinai.Faust.Schroll.Schwarz Freiraumplanung+Projektsteuerung GmbH, Berlin, mit den Berliner Künstlern Cisca Bogman und Oliver Störmer. Sie schlagen eine Anlage von maßvoller Monumentalität vor, ein Weg umrandet den Synagogenumriss.

Auch beim Siegerentwurf ist das Nachzeichen ein wesentliches Element: Eine erhöhte Plattform aus hellem Stein in Gestalt eines Parallelogramms ist der Kern des Entwurfs, in der Mitte befindet sich eine klar umgrenzte Rasenfläche, die sich am zentralen Versammlungsraum der ehemalige Synagoge orientiert. Hier sind beste Voraussetzungen für die jährliche Gedenkveranstaltung geschaffen, denn außer zwei alten Linden und dem Gedenkstein von 1963 ist nichts auf dem Rasen, abgesehen von den eingelassenen Zettelglaskästen. Und diese wiederum als Kern des künstlerischen, auf Dialog abzielenden Konzepts erlauben eine stets aufs neue aktuelle Auseinandersetzung mit dem Ort. Weitere Informationen zur Synagoge findet man auch noch am transparent gehaltenen Bushäuschen. Dort ist auch ein haptisches Modell der Synagoge vorgesehen. Und durch eine Glasplatte im Boden sieht man zudem die Überbleibsel im Untergrund, darunter auch die gut erhaltene Mikwe. Umrahmt ist das Ganze von dem äußeren Rosengarten. Das Preisgericht würdigte darüber hinaus die Balance, die dem Entwurf zwischen Bescheidenheit und einem ganz eigenen Ansatz gelingt. Moniert wurde allerdings eine etwas zu steile Rampe, und es sollte noch die Möglichkeit geprüft werden, weitere archäologische Fundstücke zu integrieren bzw. auch die Thoraschreinposition zu markieren.

Insgesamt wird der Entwurf genau die Funktion erfüllen, die ihm zugedacht ist: Er lenkt den Blick auf die Vergangenheit, verharrt dabei aber nicht in einer isolierten Betroffenheitsgeste, sondern öffnet sich für alle Marburger, seien sie nun jüdischen Glaubens oder nicht.