Vergabe + Wettbewerbe
Frankfurter Rundschau: 20.08.04: Architekten mahnen Qualität für Zentrum an (von Margit Fehlinger)
Wiesbaden · 19. August · Ihr erstes Hilfsangebot verhallte bei Stadt und Land ungehört: Keine Reaktion aus Rathaus oder Staatskanzlei folgte der Offerte der hessischen Architekten- und Stadtplanerkammer, bei der Konzeption des geplanten neuen Behördenzentrums an der Mainzer Straße beratend mitzuwirken. Gestern wiederholte Kammerpräsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann das Anerbieten ihrer Berufskollegen. Die Bedeutung des Projekts als künftiges Entree zur Landeshauptstadt erfordere eine sehr gründliche Vorplanung.
Stadt und Land beabsichtigen, auf dem Areal der Gartenbauzentrale, die ihren Sitz verlegt, ein neues Behördenzentrum zu etablieren. Die Stadt möchte die acht Behörden unter einem Dach zusammenfassen, die derzeit noch quer über die Stadt verteilt untergebracht sind. Das Land möchte Amts- und Landgericht sowie die Staatsanwaltschaft in dem neuen Zentrum zusammenfassen. Angesichts der desolaten Finanzlage der öffentlichen Hand soll das Projekt nicht mit Steuermitteln verwirklicht werden. Gesucht wird ein Investor, der das Zentrum baut und anschließend an Stadt und Land vermietet. Stichwort: Public Private Partnership. Die Voraussetzung für das Vorhaben formulierte Wiesbadens Stadtkämmerer Helmut Müller (CDU): "Es darf unterm Strich nicht mehr kosten als zur Zeit für Mietzahlungen zu berappen sind."
Diese wirtschaftliche Prämisse vernahmen die hessischen Architekten mit Sorge: Sie fürchten, dass bei dem "Riesenprojekt" die Baukultur auf der Strecke bleibt. "Wir warnen davor, ausschließlich finanzielle Erwägungen gelten zu lassen und damit die Chance für eine qualitätsvolle Architektur zu vergeben", sagte Barbara Ettinger-Brinckmann gestern in einer Pressekonferenz in Wiesbaden.
Sie empfiehlt, das Quartier mit dem Behördenzentrum an der Mainzer Straße aufzuwerten. Schon allein wegen seines großen Volumens (geplant ist eine Investitionssumme von 50 bis 60 Millionen Euro) werde es "Signalwirkung" haben. Aus diesen Gründen sei eine gründliche Vorbereitung des geplanten kombinierten Investoren-und Architektenwettbewerbs unerlässlich. In diesem Verfahren müssten die Parameter für städtebauliche Qualität definiert werden. "Dabei würden wir gerne mithelfen", erklärte die Kammerpräsidentin.
Wirtschaftliche Kriterien und städtebauliche Qualität schlössen sich auch bei einem Public Private Partnership-Verfahren nicht aus. "Die besten architektonischen Entwürfe sind meistens auch die wirtschaftlichsten", sagte Ettinger-Brinckmann.
Ein "relatives Optimum" sei allerdings nur zu erzielen, wenn vor der Ausschreibung des Projekts möglichst klare Vorgaben gemacht würden. Nur so seien "vergleichbare Wettbewerbsergebnisse" zu garantieren. "Die Teilnehmer müssen wissen, welche Standards angestrebt werden."
EU-weite Ausschreibung
Das zurzeit von der Stadt geplante Verfahren sieht eine EU-weite Ausschreibung für Planung, Bau und Finanzierung des Behördenzentrums vor. Aus dem Kreis der Bewerber sollen dann acht Bietergemeinschaften (Investoren und Architekten) aufgefordert werden, ein konkretes Angebot abzugeben. Die Architektenkammer hat die Landeshauptstadt bei städtebaulichen Wettbewerben bereits mehrfach beraten. Beispiel: Mauritiusplatz und Kranzplatz.
Frankfurter Rundschau vom 20.08.2004
Autor: Margit Fehlinger
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