Vergabe + Wettbewerbe
DAB 09-06: Gerade im Kulturbereich muss es Bauten geben, die mehr sind als nur Immobilien
Im DAB 5 / 2006 stellten wir die Gewinner des Wettbewerbs für das Besucherzentrum der Grube Messel vor. Auslober war das Land Hessen, vertreten durch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst, das in der letzten Zeit eine Reihe von Architektenwettbewerben durchgeführt hat. Anlass für uns, den verantwortlichen Minister zu befragen.
AKH: Herr Corts, wir gratulieren zu dem Wettbewerbsergebnis für das Besucherzentrum der Grube Messel. Wir freuen uns besonders, dass sich eine hessische Arbeitsgemeinschaft, die Architekten Zaeske und Maul mit den Landschaftsarchitekten Bittkau-Bartfelder und Ingenieure, beide Wiesbaden, als erste Preisträger gegen starke internationale Konkurrenz durchsetzen konnte. Wird das Wettbewerbsergebnis der Grube Messel, dem einzigen Weltnaturerbe in Deutschland, gerecht? Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Udo Corts: Auch ich freue mich, dass sich ein Wiesbadener Büro in diesem Wettbewerb mit vielen namhaften Architekturbüros und Landschaftsplanern durchsetzen konnte. Das zeigt, dass auch kleinere Büros, deren Arbeiten nicht regelmäßig die internationalen Architekturzeitungen füllen, ganz hervorragende, der Situation angemessene Architektur entwerfen können. Gute Architektur ist weniger eine Frage des berühmten Namens, sondern einer guten Ausbildung, wie sie unsere Universitäten und Fachhochschulen bieten, und der intensiven, professionellen Auseinandersetzung mit der jeweiligen Aufgabe. Hinzu kommt eine Portion Leidenschaft, das künstlerische Wollen, was freilich schwer zu definieren ist. Der Sieger-Entwurf für das Besucherzentrum der Grube Messel wird dem Weltnaturerbe in besonderem Maß gerecht. Aber auch die Träger des zweiten und der dritten Preise haben hervorragende Entwürfe vorgestellt. Daher bin ich gern der Empfehlung des Preisgerichts gefolgt, alle Gewinner zur Überarbeitung ihrer Pläne aufzufordern. Diese werden sie in Kürze vorstellen. Dann werden wir uns gemeinsam für den überzeugendsten Entwurf entscheiden, wobei zu beachten ist, dass er mit dem zur Verfügung stehenden Budget realisiert werden kann.
AKH: Architektenwettbewerbe erzeugen Ideenvielfalt, Kreativität und Innovation. Die Ergebnisse repräsentieren stellvertretend die Werke hunderter Architekten und Stadtplaner, die sich so immer wieder der öffentlichen Konkurrenz stellen. Der Wettbewerb dient nicht nur der Ermittlung des ersten Preises, sondern hat auch kulturelle Bedeutung. Kein anderer Berufsstand stellt sich auf eigene Kosten und eigenes Risiko einem ähnlichen Verfahren und reflektiert damit besser den „Zeitgeist“. Tragen Wettbewerbe zu baukultureller Bewusstseinsbildung und breiterem Qualitätsverständnis bei?
Udo Corts: Ein Wettbewerb ist immer Ideen-Wettstreit, und ich bin froh, dass so viele Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner bereit sind, sich dem zu stellen. Deshalb spreche ich allen Teilnehmern von Architekturwettbewerben, auch den „Verlierern“, ausdrücklich meine Anerkennung aus, dass sie sich an diesen Verfahren beteiligen, die ich für die Entwicklung der Baukultur in Hessen für ganz entscheidend halte. Ich kenne die intensiven Diskussionen in Preisgerichten und schätze die konstruktiven Kontroversen, um die für die jeweilige Situation beste Lösung zu finden. Nicht zuletzt tragen auch die öffentlichen Diskussionen über Wettbewerbsbeiträge wesentlich dazu bei, uns die Vielfalt der Baukultur bewusst zu machen.
AKH: Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst hat die Planungen vieler wichtiger Bauaufgaben über Architektenwettbewerbe entschieden. So wurden Wettbewerbe für den Frankfurter Campus Riedberg - gemeinsam mit der Max-Planck-Gesellschaft (siehe Seite X) - und den Campus Westend, ebenfalls in Frankfurt, durchgeführt. Auch für das Instituts- und Laborgebäude der FH Wiesbaden in Geisenheim und für das Besucherzentrum am Herkules in Kassel wurde so verfahren, ebenso wie für viele andere Projekte im Hochschul- und Museumsbau. War die Wettbewerbsart jeweils der Aufgabe angemessen, und wurde einer der Preisträger beauftragt?
Udo Corts: Der Bau einer ganzen Universität wie in Frankfurt ist zur Zeit ein in Deutschland einzigartiges Vorhaben. Am Campus Westend ist die besondere Schwierigkeit, dass sich die Neubauten mit dem berühmten und dominanten Gebäude von Hans Poelzig zu einem harmonischen Ensemble fügen sollen, ohne dieses zu kopieren. Das ist mit dem Ergebnis des Architektenwettbewerbs für die Bauten des ersten Bauabschnitts sehr gut gelungen. Auch die weiteren Bauabschnitte werden einem Architektenwettbewerb unterworfen. Der gemeinsame Wettbewerb mit der Max-Planck-Gesellschaft für das Biologicum und das Institut für Hirnforschung auf dem Campus Riedberg ist ein weiteres Projekt mit Alleinstellungsmerkmal, denn eine solche Kooperation gab es bisher noch nie. Aber auch an vielen anderen Hochschulstandorten sprechen qualitätvolle Neubauten für die Arbeit von Wettbewerben und Preisgerichten, zum Beispiel das erwähnte Laborgebäude in Geisenheim, das Biomedizinische Forschungszentrum in Gießen, das BSL 4 Labor in Marburg oder der Neubau für Sprach- und Erziehungswissenschaften in Kassel. Den Wettbewerb für das Besucherzentrum am Herkules in Kassel halte ich trotz der eher bescheidenen Bausumme von 2,5 Millionen Euro für wichtig, weil das Gebäude an der sensiblen Nahtstelle zwischen dem künstlerisch gestalteten historischen Landschaftspark und der eher bäuerlich geprägten Kulturlandschaft platziert ist. Unter vier Preisträgern wurde das Büro Volker Staab mit den Landschaftsarchitekten Levin Monsigny (beide Berlin) ausgewählt, die jetzt ihre Entwürfe überarbeiten und sie bis Ende 2007 umsetzen sollen.
AKH: In den vergangenen Jahren ist die baukulturelle Vorbildfunktion fast aller staatlichen und kommunalen Stellen in Hessen wegen der Finanznot zurückgedrängt worden. Das Land verkauft viele seiner Immobilien und mietet von Privaten, die ihre Rendite betrachten. Wie kann „praktizierte“ Bau-Kulturpolitik in Hessen dennoch erhalten bleiben?
Udo Corts: Architektenwettbewerbe sind Ausdruck einer verantwortlichen Bau-Kulturpolitik. Gerade im Kulturbereich muss es Bauten geben, die mehr sind als nur Immobilien. Sie müssen die Emotionen der Menschen ansprechen, wie es den besten Werken unserer Baugeschichte noch heute gelingt: kaum ein Besucher der Bad Hersfelder Festspiele etwa, der von der Stiftsruine nicht tief beeindruckt wäre. Dasselbe gilt für den Hochschulbau. Unsere Hochschulen vermitteln nicht nur Wissen; sie sollen die Studenten zu selbstbewussten und mündigen Bürgern heranbilden. Gute Architektur zeigt, wie wichtig uns deren Bildung ist und kann dieses Bewusstsein fördern.
AKH: Architektenwettbewerbe fördern nicht nur die Baukultur, sondern sind praktisch die einzige Möglichkeit für junge, gerade selbstständig gewordene Architekten, Stadtplaner und Landschaftsplaner, ihr Können unter Beweis zu stellen. Die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen will sie für potenzielle Auslober attraktiver gestalten und bietet mit kostenlosen Beratungen umfangreiche Serviceleistungen zu Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben. Wie nutzen Sie diesen Service?
Udo Corts: Wettbewerbe für die Bauaufgaben des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst werden vom Hessischen Baumanagement durchgeführt, das eng mit der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen zusammenarbeitet und deren Wissen und Erfahrung gerne nutzt. Dabei bemühen wir uns, unter die gesetzten Büros auch junge mit aufzunehmen, die sich gerade mit ihren ersten Bauten hervorgetan haben, um ihnen so eine Chance zu geben.
AKH: Herr Minister, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch mit Udo Corts führten Gesine Ludwig und Christof Bodenbach.
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