Vergabe + Wettbewerbe
DAB 02-05: Vorteile durch Wettbewerb
Am 23. November 2004 wurde in Frankfurt der Realisierungswettbewerb "Europaviertel, Quartier Tradition:Innovation" entschieden. Das private Unternehmen Vivico hatte die Richtlinien eines GRW-Verfahrens freiwillig angewendet und einen einstufigen, kooperativen Realisierungswettbewerb als Einladungswettbewerb nach GRW 1995 ausgelobt. Es initiierte in enger Zusammenarbeit mit dem Wettbewerbsausschuss der AKH ein schlankes Verfahren mit vielfältigen und interessanten Ergebnissen.
Das Europaviertel in Frankfurt am Main entsteht auf der Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs. Es gehört mit seiner Größe von 90 Hektar zu den wichtigsten Entwicklungsarealen der Stadt. In der Nähe zu Bankenviertel, Messe und Hauptbahnhof soll ein neuer Stadtteil entstehen, den die so genannte Europaallee prägt. Bis Ende 2006 soll der 60 Meter breite und 1,2 Kilometer lange, zentrale Boulevard fertig sein.
Der Realisierungswettbewerb bezog sich auf das erste stadtnahe Wohn- und Büroquartier. Es entsteht auf 1,7 Hektar nördlich und südlich des Boulevards. Vivico erwartete Entwürfe, die mit ihrer architektonischen Gestaltung als Beispiel für die Entwicklung der anderen Teile des Boulevards dienen sollten. Eingeladen zum Bewerbungsverfahren waren 20 Architekturbüros. Diese mussten Referenzprojekte und Stellungnahmen einreichen, wie das vorgegebene Marketingthema „Tradition:Innovation“ in Architektur umgesetzt werden könnte. Die Vorauswahl gewährleistete, dass alle Teilnehmer über die erforderliche Entwurfsqualität und Erfahrung verfügten. Bei der Auswahl der fünf Wettbewerbsteilnehmer berieten Prof. Jo Eisele (TU Darmstadt) und Prof. Volker Freischlad (FH Darmstadt) als unabhängige Fachleute. Das Verfahren war bewusst nicht anonym angelegt, um im persönlichen Dialog einen Eindruck der Herangehensweise der Architekturbüros zu bekommen. Ein Zwischenkolloquium räumte frühzeitig Fehlinterpretationen der Wettbewerbsaufgabe aus und sicherte die Realisierungsfähigkeit aller Beiträge.
Vier externe und drei interne (Fach- und Sach-) Preisrichter bildeten das Preisgericht. Der Jury gehörten u.a. Edwin Schwarz (Frankfurter Planungsdezernent), Dieter von Lüpke (Leiter des Stadtplanungsamts), Prof. Dörte Gatermann, Prof. Manfred Hegger und Prof. D.W. Dreysse an. Die unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkte der Preisrichter stellten sicher, dass architektonisch hervorragende Lösungen prämiert wurden, die zugleich die Anforderungen der Vivico realisieren können.
Für die Ausloberin überwiegen nach Abschluss des Wettbewerbs die Vorteile eines GRW-Verfahrens. Die städtebauliche und architektonische Qualität des ersten Bausteins ist entscheidend für die Standortpositionierung eines großflächigen Entwicklungsareals wie das Europaviertel. Durch Wettbewerbsverfahren können ein eigenes Profil und eine Vielzahl interessanter Ideen und Lösungsansätze entwickelt werden. Die Besetzung des Preisgerichts band wichtige Prozessbeteiligte frühzeitig in die Planung ein. Dies ist besonders wichtig bei Grundstücken, die im komplexen innerstädtischem Kontext liegen.
Auch zeigen die Ergebnisse eines Wettbewerbs verschiedene Lösungen für problematische Fragen, z. B. B-Plan Festsetzungen, Tiefgaragen, Lärmproblematik. Sie hinterfragen die Realisierbarkeit städtischer Planvorgaben und fördern den Dialog mit städtischen Ämtern. Ein weiterer Vorteil: Wettbewerbe und Ausstellungen stellen Bauprojekte der Fachwelt und den Bürgern schon in einem frühen Entwicklungsstadium vor.
Stefan Wiegand, Leiter der Vivico-Niederlassung in Frankfurt
Inge Breithaupt, Architektin, Abteilung Qualitätsmanagement Architektur + Stadtplanung
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