Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Vergabe + Wettbewerbe

DAB 02-04: Freiraumplanerischer und künstlerischer Realisierungswettbewerb: Spiel- und Aufenthaltsorte in der Oberstadt von Marburg

Die Oberstadt Marburgs liegt am Fuße des Schlosses und ist der wichtigste Bestandteil der historischen Altstadt. Sie ist mit ihrer Fußgängerzone und den historischen Fachwerkhäusern die "gute Stube" der Marburger. Die Fußgängerzone stellt sich als beliebte Flaniermeile mit zahlreichen traditionsreichen Läden und Lokalen dar.

Für Kinder gibt es allerdings in der Fußgängerzone kaum Spiel- und Aufenthaltsorte und damit wenig Anreize in die Altstadt zu kommen bzw. sich dort aufzuhalten.

Immer wieder wurden Anforderungen seitens der Bevölkerung und des Einzelhandels nach attraktiven Spielangeboten für Kinder an die Stadtverwaltung und die Politik herangetragen, um die Innenstadt für Kinder interessanter zu gestalten.

Schnell wurde deutlich, dass konventionelle Spielgeräte aus Katalogen nicht in Marburgs Oberstadt passen. Es sollte sich auch nicht um Kinderspielplätze im herkömmlichen Sinn handeln, da insbesondere die Fußgängerzone nicht über entsprechende Freiflächen verfügt.

Um für diese komplexe und anspruchsvolle Planungsaufgabe eine Lösung, die auch von allen beteiligten Fachämtern, Institutionen, Arbeitskreisen u.ä. mitgetragen werden konnte, zu finden, entschied sich der Magistrat der Stadt Marburg den Auftrag nicht nur an ein Büro zu vergeben, sondern einen interdisziplinären Wettbewerb nach den gültigen Wettbewerbsregeln durchzuführen. Als Vorteile wurden aufgrund der bereits guten Erfahrungen mit Wettbewerben in der Vergangenheit gesehen:

  1. die Erarbeitung einer klaren Aufgabenstellung in Abstimmung mit allen an der Planung Beteiligten
  2. die Durchführung eines transparenten Verfahrens
  3. das Erhalten von mehreren Lösungsvorschlägen aus interdisziplinären Arbeitsgemeinschaften
  4. eine Entscheidung durch ein unabhängiges Preisgericht mit allen Beteiligten
  5. eine Präsentation aller Arbeiten in einer Ausstellung
  6. Begleitung des gesamten Verfahrens durch örtliche Presse und Fachpresse

In Absprache mit der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen führte das Stadtplanungsamt der Stadt Marburg einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb im vereinfachten Verfahren nach GRW 1995 durch. Um Arbeitsaufwand und Kosten in einem angemessenen Rahmen zu halten, wurden sieben Arbeitsgemeinschaften, bestehend aus Architekten/Landschaftsarchitekten und Künstlern, eingeladen, Entwürfe einzureichen. Zum Abgabetermin bekam die Stadt Marburg sieben qualitativ hochwertige und ausdifferenzierte Lösungsmöglichkeiten, die untereinander vergleichbar waren. Die große Bandbreite der eingereichten Entwürfe war erstaunlich.

Durch eine entsprechende Besetzung des Preisgerichts, bestehend aus Vertretern des Magistrats, Fachleuten und Sachverständigen, wie Kinderschutzbund, Einzelhandelsvertretung, Denkmalbeirat, war es gelungen, alle Beteiligte an einen Tisch zu holen. In einem konzentrierten und transparenten Verfahren war es möglich, eine Entscheidung zugunsten eines Entwurfes zu treffen, mit dem sich alle identifizieren können. Die intensiven Diskussionen über die eingereichten Lösungsvorschläge mit den Beteiligten innerhalb des Preisgerichts gaben dem Auslober die erforderliche Sicherheit für das weitere Vorgehen und für die Vertretung der Entscheidung gegenüber der Öffentlichkeit.

Eine Besonderheit des Wettbewerbs war, dass Kinder an dem Projekt konsequent beteiligt wurden und mitgewirkt haben. Dem eigentlichen Preisgericht ging das Treffen einer "Kinderjury" voraus. Eine Vorgabe an die Wettbewerbsteilnehmer war unter anderem die Erstellung eines sogenannten Liberoblattes mit einer "kindgerechten Darstellung" als Erläuterung für die "Kinderjury". Die teilnehmenden Kinder prüften die eingegangenen Entwürfe mit viel Freude und Engagement und trafen eine Einschätzung hinsichtlich der Attraktivität aus Sicht der Kinder. Es stellte sich später heraus, dass sich die Entscheidungen der Kinderjury und die Einschätzungen der Preisrichter deckten.

Der ausgelobte Wettbewerb brachte für die Stadt Marburg das gewünschte Ergebnis. Qualitätsvolle Planungen mit künstlerischem Anspruch, die auf die Geschichte und Eigenheiten der räumlichen Bezüge der Stadt eingehen und auch Lösungen im Sinne der Kinder darstellen. Das Preisgericht prämierte den Entwurf der Marburger Architektin Bernhammer mit der Künstlergemeinschaft Mösko/Bohrmann mit dem ersten Preis.

Den Abschluss des Verfahrens bildete eine Ausstellung vor Ort, in der die Entwürfe im Rahmen einer Vernissage von Mitgliedern des Preisgerichts sowie von den Kindern der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Neben der Vorstellung der unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten konnte auch der Entscheidungsprozess transparent gemacht werden. Vorstellungen und Einblicke für die zunehmend komplexeren Planungs- und Bauaufgaben konnte einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden.

Bis zu dem heutigen Stand war die Planungsphase des Projektes "Spiel- und Aufenthaltsorte in der Oberstadt von Marburg" eine interessante Herausforderung für alle Beteiligten. Die favorisierte Lösung lässt eine schrittweise Umsetzung mit einem begleitenden Planungsprozess zu, an dem die Öffentlichkeit weiter beteiligt werden soll.

Dipl.-Ing. Karin Storm-Bölle, Stadtplanungsamt Marburg

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