Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Neues Bauen - Neues Wohnen in der Weimarer Republik

Adelheid von Saldern

 

„Neues Bauen - Neues Wohnen: zwei Schlagworte aus der Zeit der Weimarer Republik. Sie bezogen sich in besonderer Weise auf die neuen Großwohnanlagen; diese stellten einen beträchtlichen Teil der gesamten Neubauten jener Zeit dar. Auch wenn Einzelbaukomplexe de facto im Bauprogramm der Städte immer noch eine große Rolle spielten, so haben doch viele Städte, wie Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, München, Hannover, Celle, Magdeburg, Braunschweig u. a. darauf Wert gelegt, relativ einheitlich wirkende Großwohnanlagen bzw. sogar relativ geschlossene Siedlungen bis zu einer Größe von 1500 Wohneinheiten zu bauen.

In qualitativer Hinsicht sind die Neubauquartiere jener Zeit aber noch bedeutsamer als in quantitativer Hinsicht, Das hängt vor allem damit zusammen, dass zum einen die Siedlungen Prismen ähneln, durch die man zeitspezifische gesamtgesellschaftliche Widersprüche, Probleme, Konflikte und Erwartungen gut erkennen kann, zum anderen damit, dass diesen Quartieren damals verschiedenartige Vorbildfunktionen zugedacht wurden.

  • So galten die Großwohnanlagen zum Teil als Prototypen moderner funktionalistischer Architektur;
  • sie symbolisierten ferner die neue Qualität des modernen Interventionsstaates in Form des Sozialen Wohnungsbaus;
  • sie sollten darüber hinaus die neue stadtplanerische Fähigkeit zum Bau von Großwohnanlagen 'aus einem Guss' unter Beweis stellen;
  • sie signalisierten auch die neue Ära der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften - in Form von Kapitalgesellschaften und Genossenschaften - und damit die scheinbare Überwindung gewinnorientierten Kalküls bei der Erstellung der nicht substituierbaren Ware "Wohnung";
  • sie galten schließlich auch als Prototypen für eine neue urbane Wohn(alltags)kultur.

(...)

Das erste, was bei einer Analyse des Wohnverhaltens in jenen Neubauvierteln auffällt, ist die Tatsache, dass die Bewohnerschaft weitgehend als Objekt behandelt wurde, meist freilich in "guter Absicht", Architekten, Wohnungsverwaltungsgesellschaften und Wohnungsreformer/innen planten, bauten und dachten in der Regel für die Bewohnerschaft. Das hieß im einzelnen:

Die Architekten bauten die Siedlungen damals oft in kompromissloser funktionalistischer Architektur, ohne überhaupt nur die Frage ernsthaft zu stellen, ob diese moderne Architektur die Bewohnerschaft überhaupt ansprechen würde. Die Stadtöffentlichkeit reagierte auf ihre Weise darauf: Sie gab den Siedlungen zum Teil fantasievoll-satirische, zum Teil unfreundlich-kritische Namen. Einige Bezeichnungen seien genannt: Papageiensiedlung, Klein-Marokko, Tuschkasten, Affendorf, Jammerstock, Zuchthausviertel usw. Zwar handelten die avantgardistischen Architekten durchaus in der Absicht, mit ihrer funktionalistischen Architektur gesellschaftliche Reformen zu fördern und gesellschaftliches Bewusstsein zu verändern, aber dies geschah meist unter dem Motto „Vogel friss oder stirb"; Einsichten in das Phänomen der Ungleichzeitigkeiten und den daraus erwachsenden Problemen der Architekturrezeption für die breiten Bevölkerungsschichten kamen nur vereinzelt zustande.

Die Wohnungsverwaltungsgesellschaften reglementierten die Bewohnerschaft ihrerseits in starkem Maße, wozu offensichtlich das neue, relativ gleich geartete Massenmietverhältnis in besonderer Weise verlockte. Die Regelsetzungen erfolgten durch Mietverträge, Hausordnungen und verbindliche Veröffentlichungen in den so genannten Siedlungszeitschriften: Oftmals rigide zugreifende Hausverwalter sorgten für die Einhaltung der gesetzten Regeln. Unterstützt wurden solche Bemühungen um "geregeltes Alltagsleben im Wohngebiet“ durch Wohnungsreformer/innen und Sozialhygieniker/innen. Diese meldeten sich auf verschiedene Weise zu Wort, vor allem in den Siedlungszeitschriften. Es kam aber auch zu direkten Beratungsgesprächen "in der Wohnung", manchmal verbunden mit Wohnungskontrollen seitens der sogenannten Wohnungspflegerinnen.

(...)

Zusammenfassung:
1. Bürgerliche Sozialreformer, progressive (aber auch zum Teil konservative) Architekten und Städtebauer, Sozialdemokraten und Gewerkschafter sowie Genossenschaftsprotagonisten - sie alle sahen mit unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Zielsetzungen gerade in den Großwohnanlagen eine Möglichkeit, zu zeigen, wie die Gesellschaft verändert werden könne und solle, ohne dass (vorher oder gleichzeitig) die Produktionsverhältnisse verändert werden. Die Neubauviertel sollten deutlich machen, welche Handlungschancen ein sozialorientierter moderner Interventionsstaat habe, wobei es nicht nur darum ging, dass dieser die so genannten "Basic needs" erfüllte, sondern dass mit Hilfe einer kommunikations- und umweltfreundlichen Architektur ein soziales Wohnen ermöglicht werde; dadurch sollte ein Äquivalent zu den unverändert bleibenden Grundstrukturen im Produktionsbereich geschaffen werden. Der Versuch zur Entkoppelung des Produktionsbereiches vom Reproduktionsbereich misslang zwar zum großen Teil auf objektiver Ebene (so war z. B. die Möglichkeit, in eine solche Neubauwohnung zu ziehen, wesentlich davon abhängig, wieviel die Familie im Produktionsbereich verdiente), doch subjektiv, d. h. im Bewusstsein der Menschen - hatten diese Abkoppelungsbemühungen wohl durchaus einigen Erfolg gehabt, wozu auch die städtebaulichen Funktionstrennungen (reine Wohnstädte) beigetragen haben mögen. Unter Umständen konnte sich gerade in solchen Großwohnanlagen damals bei der Bewohnerschaft ein positives Lebensgefühl und ein verändertes Bewusstsein über Lebens- und Wohnqualität entwickeIn, vor allem dann, wenn man an schlechtere Wohnverhältnisse gewöhnt war.

2. Mit der 'Erziehung von oben' waren zum Teil weitgehende gesellschaftspolitische Bestrebungen gekoppelt. Gewerkschafter und Sozialdemokraten sahen in der Erziehung zum 'neuen Menschen' einen wertvollen Baustein auf dem Wege zum Sozialismus. Sie forderten damals weniger Klassenbewusstsein und noch seltener Revolutionsbereitschaft als Voraussetzung für eine Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern mehr die Erreichung eines kulturell höheren Gesamtniveaus der arbeitenden Bevölkerung, wozu sie auch die Wohnkultur zählten.

Stand also für die sozialdemokratischen Reformer/innen der wohnkulturelle Erziehungsprozess im Kontext ihrer zeitspezifischen Sozialismushoffnungen, so diente die Hebung der Wohnkultur bei den bürgerlichen Wohnungsreformern/ innen primär der gesellschaftlichen Integration, d. h. der Systemfunktionalität. Ihr Leitgedanke war stets, Systemstabilisierung durch Reform zu erreichen, und dazu gehörte auch die bessere Reproduktion von Arbeitskraft.

Dass für alle Reformer/innen gerade die neuen Großwohnanlagen eine so wichtige Rolle spielten, lag vermutlich daran, dass die Quartiere ihnen die Chance boten bzw. zu bieten schienen, die Vergesellschaftung eines neu geschaffenen Teilraumes mit 'sanfter Hand' zu steuern, um die Resultate dieses Vergesellschaftungsprozesses dann als Prototypen für die zukünftige gesamte urbane Wohnkultur hinstellen zu können. Der Vorbildcharakter der Neubauquartiere bzw. der darin lebenden Menschen bestand in ihren Augen vor allem im Wandel der Alltagskultur und der Wertehierarchie in Richtung einer modernen, rational-verregelten Lebensführung. Dabei handelte es sich eigentlich um eine säkulare Entwicklung, die an sich überhaupt nichts mit Großwohnanlagen zu tun hatte. Doch als die Neubauviertel dann im Zuge eines rationalisierten sozialen Wohnungsbaus geschaffen wurden, sahen die Reformer/innen darin eine große Chance, gerade hier ihre Normsetzungen und Verregelungen hinsichtlich der Haushaltsführung, der Sozialhygiene, der Wohn- und Gartenkultur sowie der "geschlossenen kleinfamilialen Lebensweise" (bei fortbestehender Geschlechterhierarchisierung und geschlechtlicher Arbeitsteilung) sozusagen in einer Art Kompaktsystem durchzusetzen, um somit die Vorbildwirkung auf jene Schichten (vor allem auf jene Arbeiterschichten) zu erhöhen, die noch nicht in solchen Neubauquartieren wohnen konnten.

3. Die tatsächliche Zusammensetzung der Bewohnerschaft in den Siedlungen signalisierte den Entwicklungstrend zu einem spezifischen sozialen Mischungsverhältnis im Wohnbereich. Wenn eingangs gesagt wurde, dass außer den Mittelschichten allenfalls gehobene Facharbeiterfamilien in Neubauwohnungen ziehen konnten, so bedeutete dies eine wechselseitige sozio-räumliche Annäherung der genannten sozialen Gruppen. Gleichzeitig wuchs aber damit auch die räumliche Segregation solcher Facharbeiterfamilien von den breiten Arbeiterschichten, die ja noch vielfach in Teilen der Altstadt oder in den älteren Arbeitervierteln wohnten. Eine solche sozial-räumliche Neuzusammensetzung blieb sicherlich nicht ohne soziale und kulturelle Auswirkungen. Gewiß sollte man sich hüten, derartige Prozesse überzuinterpretieren, zumal ja gerade in Deutschland noch immer ein spezifischer Angestellten- bzw. Beamtenhabitus besonders kultiviert wurde, der sich in vielem noch von dem eines (Fach-)arbeiters unterschied. Solche Absonderungs- und Neuordnungsvorgänge zeigen indessen aber vielleicht doch - wiederum prismenhaft - einen modernen Entwicklungstrend innerhalb einer hochindustrialisiert-kapitalistischen Gesellschaft: Gemeint ist ein sozio-kultureller Einebnungsprozess bestimmter Teilkulturen - bei gleichzeitiger verstärkter ideologisch-kultureller Abstoßung, Aussonderung bzw. Marginalisierung bestimmter (noch) nicht integrierter sozio-kultureller Praxisformen. In diesem Falle handelte es sich um diejenigen der breiten Arbeiterschichten mit ihrer dem wohlgesitteten Bürgertum oft unverständlich erscheinenden und deshalb als kulturell „primitiv" bewerteten Lebensweise und Alltagskultur. Der sozio-kulturelle Nivellierungs- und Ausgrenzungsprozess im Zeichen der Moderne, der hier am wohnkulturellen Beispiel analysiert wurde, ist deshalb auch im Kontext der Frage zu sehen, wie sich kulturelle Hegemonie (Gramsci) jeweils "zeitgerecht“ reproduzierte.“

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Adelheid v. Saldern: Neues Wohnen. Wohnverhältnisse und Wohnverhalten in Grosswohnanlagen der 20er Jahre. In: Axel Schildt, Arnold Sywottek (Hrsg.): Massenwohnung und Eigenheim. Campus Frankfurt/ New York 1988, S. 127

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