Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Der Reformwohnungsbau der 1920er Jahre

„Das Haus, in dem Frau Müller wohnt, ist ein riesiger Neubaublock, eingerichtet für einhundertsechzig Mietsparteien. Die Grundmauern bestehen aus gelbem, geschliffenem Sandstein. Darauf hat man vier Stockwerke gesetzt aus rotem Ziegelstein. Der Wohnblock hat ein flaches Dach, Flugzeuge könnten darauf landen. Die Ziegelsteinfassaden sind mit Zement verputzt und von Kieselsteinen aufgeraut.

Will man zu Frau Müller, muss man einen der drei gewaltigen Torbogen des Neubaues passieren. Vorbei an den Aufgängen zu den Wohnungen der Straßenfront betritt man den breit ausladenden Hof. Luft und Licht fluten quadratisch von oben herein, die letzte Ecke ist erhellt. An acht Stellen sind Küchenabfallplätze in der Form von hohen Sechsecken erbaut und in kurzen Zwischenräumen schnurgerade ausgerichtet wie preußische Soldaten auf dem Manöverfeld. Grasflächen und Kinderspielplätze gibt es auf diesem Hofe sauber hergerichtet und abgezirkelt. Der Hinterhof hat hier nichts mehr von der traurigen und schäbigen Bedeutung der alten Mietskasernen. Keine Stickluft, kein Halbdunkel, kein Gestank. Die kleinsten Abwässer fließen sogleich unterirdisch fort, auch der Regen saust durch eine Rinne in die Tiefe, bleibt unsichtbar, staut sich nirgends an der Oberfläche, verursacht keinen Schmutz.

Den Bewohnern dieses Neubaublocks ist es aus hygienischen Gründen verboten, Wäsche zum Trocknen aus dem Fenster zu hängen. Auch darf kein Staub aus den Fenstern geschüttelt werden. Wer reinigen will, begib sich nach vorheriger Vereinbarung mit dem Portier nach einem bestimmten Ouadrat des Hofes. Hier kann man drei Stunden aam Vormittag ausstauben und Klopfen, soviel man will. Es gibt gemeinsame große Waschküchen. Sie stehen allen Mietsparteien abwechselnd an bestimmten Tagen zur Verfügung. Die Ein- und Aufgänge der Wohnungen des Hinterhofes unterscheiden sich in keiner Weise von denen des Vorderhauses. Auf den Treppen sind so genannte Läufer ausgebreitet, bis hinauf zum vierten Stock.

Frau Müller wohnt Eingang 5 des Hinterhauses drei Treppen. Ich läute. Ein zehnjähriges Kind öffnet, die Mutter ist noch nicht zu Hause, aber der Bekannte wird eingelassen. Ich sehe mich sogleich in der neuen Wohnung um.

Für Frau Müller und ihren Mann, einen Eisenbahnarbeiter, war es ein Lotteriespiel, ein Glücksfall, hier zu landen. Fünf Jahre hat die Familie gewartet, war sie eingetragen auf dem Wohnungsamt für eine Neubauwohnung. Immer wieder wurde sie vertröstet. Endlich setzte man den Namen Müller von der gewöhnlichen Eintragungsliste zu den anderen Müllers auf die Dringlichkeitsliste, von dort nach zwei Jahren auf die Vordringlichkeitsliste. Nach weiteren zwei Jahren kam der eine von den tausend Müllers in den Genuss dieser zweieinhalb Zimmer Neubauwohnung. Sie ist schon wirklich fabelhaft. Gar nicht zu vergleichen mit den elenden Mietslöchern im Zentrum, im Norden und Osten der Stadt. Da ist das Hauptzimmer von Tageslicht durchflutet, 25 qm im Quadrat. Die Wände sind trocken, wenn auch nicht stark genug, keinen Schall hindurch zu lassen. Nur die schlechten und alten Möbel passen nicht in diesen Raum. Sie sind von der alten Wohnung übernommen worden, eine Chaiselongue, ein Ausziehtisch, sechs Stühle, ein Büfett. Die Unkultur der Kleinbürger, die so genannten Nippesfiguren, sieht man nicht mehr. Auf dem Tisch steht ein großes Kristallglas mit Blumen. Die Tapete ist von hellem Farbton, mit reichlichen Schnörkeln und Verzierungen.

Das Schlafzimmer misst 20 m im Quadrat, mit Doppelbett und zwei Kinderbetten, einem funkelnagelneuen Kleiderwäscheschrank, von einem Warenhaus auf Abzahlung geliefert. Dieses Zimmer bekommt am Vormittag Sonne. Es gibt dann ein Badezimmer mit eingebauter Badewanne, warmem und kaltem Wasser, sehr schmal im Raum, so dass sich nur gerade eine Person bewegen kann. Im Badezimmer befindet sich das W. C.

Komfortabel fast schaut die Küche aus, eingebaute Möbel an den Wänden. Die Kochgelegenheit ist zur Hälfte elektrifiziert, zur anderen Hälfte mit Gas zu benutzen. Der Frau Müller steht ein elektrisches Bügeleisen für ihre Wäsche zur Verfügung. Die ganze Wohnung wird zentral geheizt, Röhrensystem. Die Beleuchtung geschieht elektrisch. Die Wohnung besteht noch aus einem schmalen Korridor, fünfzehn Meter im Quadrat, und aus einem winzigen so genannten Kinderzimmer.

Ich sehe mir im Hauptzimmer auf drei Brettern an einer Wand die Bibliothek des Mannes an. Es handelt sich um einen gewerkschaftlich organisierten, politisch indifferenten Proletarier, der bis 1921 den „Unabhängigen Sozialdemokraten“ angehörte. Nach der Spaltung dieser Partei trat er weder den Kommunisten noch den alten Sozialdemokraten bei. Er betätigte sich von da ab eifriger als sonst in der Gewerkschaft und in den Sportvereinen. Eisenbahner Müller ist 43 Jahre alt, mit seiner Frau lebt er seit seinem 22. Lebensjahr zusammen. Vier Kinder gehören zur Familie, davon ist das älteste ein Junge, 18 Jahre alt.

Zur Bibliothek dieses Gewerkschaftlers gehören etwa einhunderfünfzig Bücher, die im Laufe der Jahre zusammengespart wurden. Alle Protokolle der sozialdemokratischen Parteitage kann man darunter finden, von 1905 bis 1921. Bebels und Kautskys Vorkriegsschriften, Rosa Luxemburgs Akkumulation des Kapitals. Eduard Bernsteins Broschüren neben Lenins „Staat und Revolution". Von Gorki gibt es die Dramen und den Roman „Spitzel", von Tolstoi „Krieg und Frieden", aus der Universum-Bücherei Streuwels Bauernroman. Von Jack London findet sich ein Band „Ruf der Wildnis". Einen breiten Raum nehmen die Schriften bürgerlicher Philosophen ein. Ernst Häckel ist vertreten, neben Kant und Nietzsche. Eine Menge neuester, typisch deutscher, kitschiger Unterhaltungsliteratur ist eingereiht. Unter den Broschüren ist alles gesammelt, was die reformistischen Gewerkschaftsführer in den letzten Jahren gegen die Kommunisten vom Stapel gelassen haben. Aber neben diesen Pamphleten stößt man auf Protokolle des R.G.I.-Kongresses, auf eine kleine Schrift von Tomski, eine Rede, die vor internationalen Arbeiterdelegierten gehalten wurde. Ich halte gerade Larissa Reißners Buch „lm Lande Hindenburgs" in der Hand, da erscheint die Frau des Hauses mit vielen Entschuldigungen und begrüßt mich.

Um fünf Uhr nachmittags ist ihre Arbeit in der Fabrik zu Ende. Frau Müller stanzt Blechartikel; vielmehr macht sie Handgriffe dafür am fließenden Band. Eine Stunde erst nach Betriebsschluss kann sie ihre Wohnung erreichen. Als ich ihr jetzt erkläre, dass ich mir die neue Wohnung bereits allein und selbstständig angesehen habe, setzen wir uns zu einer Tasse Kaffee an den Tisch. Der Mann lässt sich entschuldigen, er ist sofort in eine Gewerkschaftssitzung gerannt; man hat sich schnell nur für ein paar Worte in der Kneipe getroffen. „Sehen Sie", sagt Frau Müller, „das ist nun unsre neue Wohnung, freuen Sie sich mit uns, dass wir aus dem alten Loch heraus sind." Ich frage nach dem Mietspreis. „Neunzig Mark im Monat, das ist noch sehr billig", beteuerte Frau Müller “und nur weil dieser ganze Block vom Unternehmer mit kommunalen Mitteln erbaut wurde und wir schon solange vorgemerkt waren, ist man hereingekommen. Mein ganzer Lohn, viermal im Monat, geht allein drauf für die Miete. Ich bekomme 30 Pfennig pro Stunde, 9 Stunden mal 30 Pfennig! Das reicht am Ende noch nicht ganz, und unser ältester Junge muss von seinem Verdienst noch zulegen, damit wir pünktlich zahlen können. Mein Mann verdient wöchentlich im Akkord 44 Mark und 73 Pfennig. Wir kommen gerade noch so durch in der Familie und sind alle endlich sehr froh, dass wir gesund wohnen.“

Frau Müller ist dennoch unzufrieden. Sie hat viel Sorgen mit den beiden jüngsten, schulpflichtigen Kindern, die Kleidung brauchen und Lernmaterial immer neu in jedem Vierteljahr. „Extrawürste können wir uns nicht braten. Wir gehen ab und zu einmal ins Kino, einmal in die Kneipe, einmal ins Konzert. Am liebsten aber sehen wir russische Filme."

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Magazin für Alle, 4. Jahrgang, Heft 7, Juli 1929., zitiert nach: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hrsg.): Wem gehört die Welt. Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik. Berlin 1972, S. 154

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