Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Berichte zweier Arbeiterinnen über ihren Arbeitstag

1. Bericht

"Meine tägliche Arbeitszeit in Haushalt und Fabrik beträgt 16 bis 18 Stunden. Unsere Familie zählt fünf erwachsene Köpfe im Alter von 15, 17, 19, 42 und 44 Jahren. Frühmorgens 4,30 Uhr ist die Nacht vorbei; dann ist es höchste Zeit, mich anzukleiden, zu waschen und das Frühstück für die anderen zu besorgen und alles zu wecken; denn 5,15 Uhr heißt es nach dem Betrieb gehen, da ich 45 Minuten bestimmt laufen muss. Um 6 Uhr beginnt die Arbeitszeit im Betrieb. Ich arbeite in einer Tuchfabrik und zwar in der Zwirnerei. Zuspätkommen darf im Betrieb nicht vorkommen. Wir arbeiten in Schichten von 6 bis 14 Uhr und von 14 bis 22 Uhr. Arbeite ich in der Vormittagsschicht, so geht von 14 Uhr die häusliche Arbeit an. Ich muss dann auf dem Wege von der Fabrik bis nach Hause die Einkäufe besorgen, so dass es dann meistens schon 16 Uhr ist, ehe ich im Heim bin. Hier angekommen, geht es sofort hurtig weiter. Das Mittagessen ist zu kochen; denn der Ehemann und die Kinder haben auch bald Feierabend. In der Zeit von 18 bis 19 Uhr halten wir unseren Mittagstisch. Nachdem und während der Zeit, wo das Mittagessen kocht, werden andere häusliche Arbeiten verrichtet. Bei der Nachmittagsschicht kommt noch hinzu, dass ich an drei Vormittagen neben der häuslichen Arbeit die Wäsche für die Familie waschen muss. Wir wohnen in einer Siedlung und haben noch zwei Gärten; die erfordern ebenfalls vom Frühjahr bis zum Herbst nicht wenig Arbeit. Von meinem Mann kann ich dabei sehr wenig unterstützt werden. Er verrichtet in einer Hutfabrik schwere Arbeit und ist abends sehr abgespannt.“

2. Bericht

„Die Arbeitszeit in meinem Betriebe beginnt im Sommerhalbjahr um 6 Uhr früh. Da der Weg zur Arbeitsstätte 3/4 Stunden beträgt, so beginnt für mich der Arbeitstag um 4 1/2 Uhr mit nur einhalbstündiger Pause. Da ich das Fahrgeld für die Straßenbahn nicht von meinem kargen Lohn aufbringen kann, muss ich wieder den 3/4 Stunden langen Weg zu Fuß zurücklegen und bin erst um 4 Uhr nachmittags zu Hause. Hier erwartet mich schon wieder Arbeit für etliche Stunden. Das Mittagessen ist herzustellen, das Geschirr abzuwaschen, Schularbeiten sind durchzusehen und für die Mahlzeiten des nächsten Tages ist einzuholen. Dann ist es Zeit, das Abendessen zu bereiten und das Kind zu Bett zu bringen. Nun komme ich erst dazu, Wäsche und Kleidungsstücke nachzusehen und auszubessern. So ist es nicht weit von 11 Uhr. ehe ich mich zur Ruhe legen kann. Also ein Arbeitstag von täglich 18 Stunden und nur 6 Stunden Schlaf."

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Berichte von Arbeiterinnen über ihren Arbeitstag in den 20 er Jahren, zitiert nach: J. Kuczynski: Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Bd. 5. Köln 1993, S. 331 f

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