Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Krankenbesuch in einem Armenquartier um 1890

A. Südekum, um 1890

 

„Ein heißer, schwüler Augustnachmittag. Wir kamen in einer der Querstraßen, die von der MüIlerstraße nach der Reinickendorfer Straße gehen, in ein menschenreiches Massenmietshaus, eines von jenen, in denen die wirkliche Armut ihr Quartier aufgeschlagen hat. Dort hatte der Arzt im dritten Stock des Quergebäudes eine kranke Frau zu besuchen. Als wir durch das Hoftor schritten, überrannte uns beinahe eine lärmende Kinderschar; Knaben und Mädchen verschiedenen Alters, kümmerliche Lebensanfänge, die sich kaum schon auf den Beinen halten konnten, Abcschützen und bereits der Schule Entwachsende tobten durcheinander mit jenem blechernen Getöse, das oft die armen Großstadtpflanzen so unvorteilhaft und grell von der glücklicheren Jugend des Dorfes und der Kleinstadt mit ihrer stilleren und freudigeren Heiterkeit unterscheidet. Ein paar Kinder mit abgehärmten, alt-klugen Gesichtern kannten den Arzt. rissen sich auf einen Augenblick von der spielenden Schar los und riefen ihm, indem sie mich, den Fremden, durchdringend musterten, ungeniertes „Mahlzeit, Herr Dokta“ zu.

Die stagnierende Luft des engen Hofes lag bleischwer auf dem unsauberen Pflaster, die Wände des Hauses strömten eine brütende Hitze aus, nachdem schon tagelang die Sonne ihre Glutpfeile unbarmherzig auf die Stein- und Asphaltwüste der staubigen Großstadt hernieder gesandt hatte. Ein Gefühl der Beklemmung legte sich mir auf die Brust, als wir durch die enge Tür zum Treppenhaus traten und die Stiegen empor klommen. Fast jede Stufe knarrte und ächzte laut unter unserem Tritt, und obschon wir beide nur leichtes Schuhwerk trugen, vollzog sich der Aufstieg nicht ohne beträchtliches Geräusch. (...)

Auf jeden Treppenpodest gingen drei Türen, die meisten mit mehreren Schildern oder Karten behängt. In diesem Quergebäude gab es fast nur zweiräumige Wohnungen, aus Stube und Küche bestehend. Viele Mieter teilten ihre Räume noch mit Schlafburschen oder Logiermädchen.

Die Patientin meines Freundes, die Frau eines Gelegenheitsarbeiters, hatte der furchtbaren Hitze wegen die Tür der Küche, in der sie lag, und die Tür nach dem Treppenhause hin offen gelassen. Sie ruhte auf einem jammervollen Bett, das eigentlich nur aus einem Haufen zerrissenen Zeuges auf einer knarrenden, buckligen Matratze bestand.

(...)

Die Atmosphäre in dem Raum war fürchterlich, denn wegen des Lärms der spielenden Kinder konnte die Kranke das Fenster den ganzen Tag nicht öffnen. Sie litt an einer schmerzhaften Fußverstauchung und Sehnenzerrung, die sie sich durch einen Fall auf der Treppe beim Zeitungsaustragen zugezogen hatte. Der »Fall« war, medizinisch betrachtet, nicht bedenklich. Um so schärfer trat hier hervor, welchen Jammer schon ein kleiner Unfall, eine leichte Erkrankung in das so genannte Heim des Armen bringt.

Nur wenig ärmlicher Hausrat fand sich in dem unwohnlichen Raum. Auf der kleinen eisernen Kochmaschine standen ein paar Töpfe, die nach dem letzten Gebrauch noch nicht gereinigt waren; den einzigen Tisch bedeckten ein paar Teller und Gläser, Zeitungsblätter, Kamm, Bürste und Seifenschale, eine Schachtel mit Salbe zum Einreiben, Teller mit Speiseresten und andere Gegenstände. Der geringe Kleidervorrat der Familie hing an den Wänden; ein paar halb verblasste Familienbilder und ungerahmte Holzschnitte aus einer illustrierten Zeitung bildeten den einzigen Schmuck. Außer der Frau und ihrem Manne lebten in dieser Küche noch drei Kinder, von denen das älteste, ein Mädchen, 14 Jahre, die beiden Knaben etwa 7 und 4 Jahr alt waren, Das Bett der Kranken, die einzige sichtbare Schlafgelegenheit, war etwas quer geschoben, so dass sie von ihm aus, ohne sich zu erheben, den Wasserzapfhahn erreichen konnte; hinter dem Bett eine Kommode; in der Ecke ein Korblehnstuhl, sonst nur zwei hölzerne Schemel ohne Lehne. (...)

In der jetzigen Wohnung hausten sie schon über sechs Monate: das sog. »Zimmer« war abvermietet worden, die Küche kostete ihnen danach noch ungefähr 8-9 Mark im Monat.

Wie die Familie schlief? Mann und Frau in dem einzigen Bett. Die Kinder wurden auf ausgebreiteten Kleidungsstücken untergebracht und durften erst dann ins Bett kriechen, wenn Vater und Mutter gewöhnlich vor 5 Uhr morgens - aufgestanden waren. Die kleinsten Kinder waren jeweils in einem Korbe, gelegentlich auch, wenn die Frau zu irgend einem Gange das Zimmer verlassen musste, in einem halbaufgezogenen Schub der Kommode gebettet gewesen.

Als die Frau uns dies erzählt hatte, fiel die ganze Wucht des Jammers wieder auf sie. Ihr Mann war schon seit einigen Tagen abends immer nur auf kurze Zeit in der Wohnung erschienen; er zog es vor, in diesen heißen Augustnächten irgendwo auf dem Rasen zu schlafen, statt sich in der heillosen Hitze der Küche ruhelos herumzuwälzen. Den ganzen Hausstand musste das 14iährige Mädchen besorgen, das stundenweise als Ausläuferin beschäftigt war. Die Frau flehte den Arzt an, sie in ein Krankenhaus schaffen zu lassen und die Kinder in das Waisenhaus zu bringen; als er ihr die Unmöglichkeit der Erfüllung dieses Wunsches klar machte und auch darauf hinwies, dass dies doch gar nicht zu ihren sonstigen Äußerungen der Furcht vor dem »Spital« stimme, erklärte sie ihm, dass sie es in dem fürchterlichen Massenmietshaus kaum noch aushalten könne: der entsetzliche Lärm, die Hitze, das Geschiebe und Gedränge der Menschen, das Poltern und Schimpfen über ihr und neben ihr und unter ihr und doch auch wieder das Gefühl der vollständigen Vereinsamung in dieser Karawanserei sei in den letzten Tagen so übermächtig in ihr geworden, dass sie fürchte den Verstand zu verlieren und sich aus dem Fenster zu stürzen. Wenn nicht ihr Blick auf die spielenden Kinder gefallen wäre, hätte sie das vielleicht schon getan. (...)

____________________________________________________________________

Reichstagsabgeordneter A. Südekum (SPD) um 1890; in: J. Flemming u.a.(Hrsg.): Quellen zur Alltagsgeschichte der Deutschen 1871 - 1914. Darmstadt 1997, zitiert nach: R.von Bruch, B. Hofmeister (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Bd. 8. Stuttgart 2000, S. 159 ff

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche