Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Das bürgerliche Lebensgefühl der Großstadt

Jürgen Reulecke, 1997

 

„Sein (des Bürgertums; Anm. d. Verf.) Lebensstil, seine künstlerischen Maßstäbe, sein Tugendkatalog, seine Verhaltensnormen (...) wurden nach und nach zur allgemeinen Richtschnur; dies nicht zuletzt deshalb, weil das Bildungsbürgertum das gesamte Bildungs- und Ausbildungssystem beherrschte und das gleichzeitig geschaffene Berechtigungswesen durch die Fixierung unterschiedlicher Ausbildungsgänge mit entsprechenden Abschlüssen inhaltlich ausgestaltete. Dieses selbstbewusst auftretende Bürgertum, dessen Binnenstruktur zwischen den Polen der eher vom Wirtschafts- oder Bildungsbereich her definierten Kreise noch relativ offen war, lieferte von nun an auch die Impulse für die visuelle Präsenz seiner »Kultur«. Der Bau von Opernhäusern und Theatergebäuden, Museen und Denkmälern erfolgte nicht mehr wie bisher in erster Linie im Auftrag der regierenden Fürstenhäuser oder adeliger Mäzene, sondern aus dem Streben besitz- und bildungsbürgerlicher Kreise, ihren Städten kulturelle Mittelpunkte zu geben und ästhetische Akzente zu setzen. Neben den „Musentempeln“ gehörten dazu auch repräsentative Rathausbauten, Justizpaläste, Bahnhöfe, Bankhäuser und zum Teil sogar künstlerisch gestaltete Fabrikfassaden. Weiterhin bestimmten eindrucksvolle Privatgebäude der Honoratioren an den Prachtstraßen das Bild der modernisierten Handels-, Gewerbe- und Verwaltungsstädte.“

_________________________________________________________________

Jürgen Reulecke: Der Wandel der Lebensverhältnisse. In: J. Reulecke (Hrsg.): Geschichte des Wohnens Bd. 4, dva Stuttgart 1997, S. 76

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche