Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zur Ernährung in Arbeiterfamilien

Hans Mehner, 1887

 

„Bei der sieben- bzw. achtköpfigen Familie des Arbeiters einer chemischen Fabrik Frankfurts (Main) (im folgenden Familie 1 genannt) entfielen 52,34 Prozent der Gesamtausgaben auf die Ernährung. Die fünfköpfige Familie des Arbeiters einer Seifenfabrik Leipzigs (Familie II) verwandte hierauf 52,5 v. H. Da sich die absoluten Ernährungsausgaben in beiden Familien etwa entsprachen, es sich weiterhin in beiden Beobachtungsfällen um etwa die gleiche Zeit (1887/1888) handelte, die Familiengröße jedoch differierte, so liegt es nahe, im Fall der Familie II auf eine qualitativ bessere Ernährung zu schließen.

Die Analyse der Nahrungszusammensetzung beweist jedoch das Gegenteil:

Bei Familie 1 entfielen 29,7v. H, der Ernährungsausgaben auf die Güter Brot (+Brötchen). Kartoffeln und Mehl gegenüber 42,7 v. H. (+ Reis) bei Familie II.

Für Butter und sonstige Fette verwandte Familie I 7,3 v. H. (Butter: 1,3 und sonstige Fette: 6,0), Familie II dagegen 18,5v. H. (Butter: 16,7 und sonstige Fette: 1.3).

Der absolute wertmäßige Konsum an Fleisch- und Wurstwaren war etwa gleich, nur verbrauchte Familie II noch Hering, der bei Familie I nicht erscheint.

Für die genannten Güter wendet Familie I erst 47.9 v. H. der Ernährungsausgaben, Familie II dagegen bereits 71.0 v. H. auf.

Der Butterkonsum erscheint bei Familie II enorm hoch, doch ist er neben dem höheren Brotverbrauch bei geringerer Kopfzahl ein Anzeichen dafür, dass die Familie viel kalt aß. Sie war dazu gezwungen, da in Familie II die Frau in der gleichen Fabrik arbeitete wie ihr Mann.

Nimmt man noch den Alkoholkonsum sowie die ‚Zehrung im Geschäft‘, so kommen weitere 9,0 bzw. 8,8 v. H. bei Familie II gegenüber 9,4 (allerdings einschließlich Tabak) und 14,6 v. H. bei Familie I auf die restlichen Nahrungsgüter.

Für diese verblieben nunmehr 11,2 v. H. bei Familie II, jedoch noch 28,81 v. H. bei Familie I.

So wichtige Güter wie Milch, Obst und Zucker entfielen bei Familie II völlig, während Familie I hierfür noch 7,9 + 1,3 + 2,8 (also 12.1) v. H. zur Verfügung hatte.

Unterschiedlich war schließlich noch der Kaffeeverbrauch (bei gleichem Kaffeepreis). Familie I verwandte 5,5 v. H. der Nahrungsausgaben auf den Kauf echten Kaffees und nur 0,3 v. H. auf Surrogate, bei Familie II ist das Verhältnis 2,4 zu 1,6 v. H., obwohl hier der Kaffeegenuss noch eine höhere Bedeutung hatte.

Bei Familie II wurde täglich viermal Kaffee getrunken. ‚Das ist derjenige Genuss, welchen der wässerige Aufguss von wöchentlich 1/4 Pfund Kaffee ... und 1 Liter Gerste... gewähren kann‘“.

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H. Mehner: Der Haushalt und die Lebenshaltung einer Leipziger Arbeiterfamilie, 1887, zitiert nach: J. Kuczynski: Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Bd. 4, Köln 1993, S. 424 f

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