Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zur wohnungspolitischen Diskussion der Mietskasernen

Harald Bodenschatz, 1988

 

Um diese Wertbewegungen konstituierte sich ein herrschender Interessenblock im Wohnungsbau, der das Geschäft mit dem "System der Mietskasernen" organisierte. An der Spitze dieses Interessenblocks standen die Großbanken und Großspekulanten, dann folgten die Urbesitzer der Grundstücke, kleine Zwischenhändler, die subalternen Bauunternehmer, die kapitalschwachen Hausbesitzer und die Besitzer von Terrainaktien. All diese Gruppen waren an der Existenz des Systems der Mietskasernen interessiert, an ihrem Geschäft rüttelte jede Reformstrategie. Die Produktion der Mietskaserne erfolgte weitgehend ohne öffentliche Hand, präziser: Sie wurde privat durchgeführt, ohne öffentliche Detailpläne, ohne Subventionen, aber vor dem Hintergrund der öffentlichen Produktion von Infrastruktur und des Straßenplans samt Bauordnung. Die einzige "Gegenpartei" des Interessenblocks schienen die Mieter zu sein. Aber diese sozial heterogene Partei war rechtlos, hatte keinen Schutz vor Mietpreiserhöhungen und Kündigung, Die wirtschaftlich und rechtlich schwachen Mieter waren nicht Gegner, sondern Opfer des Interessenblocks, erst ihre steigenden Mieten sicherten das Geschäft, ihre schlechten Wohnverhältnisse waren die Folge ihrer Mietverhältnisse bzw, der spezifischen Form, die dieses Geschäft angenommen hatte.

Die planerische Kritik an der Mietskaserne, die die Wurzeln der ganzen Problematik berührt, gewann ihr Gewicht erst aus der sozialen Kritik an der Mietskaserne, die die realen und angeblichen Wirkungen des Geschäfts auf die Bewohner, die Mieter, anprangerte, Die mit statistischem Datenmaterial, Einzelfallbeschreibungen und Dokumentarfotos arbeitende soziale Kritik beschwor neben den gesundheitlichen und sittlichen vor allem die politischen Gefahren, die aus den elenden Wohnbedingungen der Arbeiter für die herrschende Gesellschaftsordnung erwuchsen. Ihr Adressat war der aufgeklärte, über die Tagesgeschäfte hinaus denkende Teil des herrschenden Interessenblocks. Die zentralen Ansatzpunkte der sozialen Kritik, die auch neben und ohne die planerische Kritik vorgetragen wurden, waren die baulich-strukturelle Qualität der Wohnungen, die Mietverhältnisse und vor allem die Belegung. Die Verabscheuungswürdigkeit der Mietskaserne wurde nicht so sehr aus der baulichen Form abgeleitet, sondern aus dem Gebrauch dieser Form, der den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen der Kaiserzeit geschuldet war. Der soziale Gebrauch bzw. Missbrauch schien den Reformern aber eine Natureigenschaft der Mietskaserne zu sein, und dies umso mehr, als der gesamte Entstehungsprozess, das Geschäft mit der Mietskaserne, diesen Gebrauch zur selbstverständlichen Voraussetzung hatte. Mit der Denunzierung der Art des sozialen Gebrauchs schien auch die Mietskaserne als Baukörper ausreichend denunziert zu sein - ein von interessierter Seite gerne kolportierter Trugschluss, der später den Flächenbrand der Kahlschlagsanierung anzustecken half.“

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Harald Bodenschatz: Die Berliner „Mietskaserne“ in der wohnungspolitischen Diskussion seit 1918; in: Axel Schildt, Arnold Sywottek (Hrsg.): Massenwohnung und Eigenheim. Campus Frankfurt/ New York 1988, S. 130 f

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