Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Ökonomische Bedingungen für die Entstehung von Mietskasernen

Adelheid von Saldern, 1995

 

„Für den durch den Urbanisierungsprozess rapide gestiegenen städtischen Wohnraumbedarf reichten die vorhandenen Unterkunftsangebote bei weitem nicht mehr aus. Neue Wohnhäuser wurden gebraucht. Der Markt reagierte in klassischer Weise: Gebaut wurde nur dann, wenn sich dies rentierte, wobei die Bauherren nicht selten sogar kurzfristige Spekulationsgewinne erwarteten. Arbeiterhäuser waren wegen der befürchteten Mietausfälle und dem häufigem Mieterwechsel keine begehrten Investitionsobjekte. Wer sich überhaupt auf diese Art Geschäft einließ, wollte wenigstens möglichst zahlreiche Wohnungen in einem Haus bzw. auf einem Grundstück untergebracht sehen. Da die einzelne Arbeiterfamilie nur eine begrenzte Mietsumme aufbringen konnte, war eine größere Anzahl von Mieterfamilien pro Haus „nötig“, um zu der gewünschten Höhe an Einkünften zu kommen. Eine hohe Bebauungsdichte, das heißt die maximale Ausnutzung der Grundstücke, sowie eine hohe Behausungsdichte, das heißt die maximale Ausnutzung des Hauses durch Mehrgeschossigkeit, waren die Folgen dieses ökonomischen Kalküls. Während in Berlin im Jahre 1861 48 Bewohner pro Haus gezählt wurden, waren es 1895 schon 72. Wiesen die älteren Arbeiterhäuser aus der Zeit vor 1880 meist nur zwei bis drei Geschosse auf, erhöhte sich die Anzahl der Geschosse später auf drei bis sieben. Der Anteil der Wohnbevölkerung, der im dritten Stockwerk oder noch höher wohnte, stieg in Berlin zwischen 1861 und 1890 von 18 auf 40 Prozent, in anderen Großstädten auf 25 bis 30 Prozent. Anders als in England gab es in Deutschland allerdings eine in die Zeit vor der Hochindustrialisierungs- und Urbanisierungsphase zurückreichende Tradition, mehrstöckige Mietshäuser zu bauen. Dies führte dazu, dass bereits Anfang der 1860er Jahre der Anteil der Einfamilienhäuser am Wohnungsbestand im Berliner Stadtgebiet unter einem Prozent lag.

(...)

Die Fassaden solcher damals moderner Mietshäuser unterschieden sich kaum von jenen bürgerlicher Wohnblöcke, und selbst die Grundrisse der Wohnungen sahen auf den ersten Blick nicht schlecht aus. Außerdem galt die bauliche Grundsubstanz ebenfalls als verhältnismäßig gut, ungeachtet der ärmlichen Wohnungsausstattung in den Hinterhofbauten. Konventionelle und traditionelle ästhetische Gesichtspunkte, wie ein Hausbau auszusehen habe, spielten bei der Fassadengestaltung eine Rolle; damit traf man vermutlich auch den Geschmack vieler BewohnerInnen; zudem erhöhte sich in gewisser Weise der Wohnwert; gleichzeitig wurden hierdurch jedoch die realen Wohnverhältnisse vieler Unterschichtfamilien kaschiert, was den Vorteil mit sich brachte, dass auf diese Weise leichter Hypotheken zu erhalten waren. Welche Gründe auch immer im Einzelfall den Ausschlag gegeben haben mögen, fest steht jedenfalls, dass die Fassaden zur Straße hin als eine ästhetische Staffage fungierten.

Bekanntestes Beispiel für diesen Häusertyp sind die Mietskasernen mit ihrer dichten Hinterhofbebauung, wie diese vor allem in Berlin und in ostelbischen Städten anzutreffen waren. Den relativ dekorativen Fassaden und der so genannten Beletage folgten bis zu acht enge Hinterhofblöcke, in denen teilweise auch kleine Gewerbebetriebe Unterkunft fanden.

Die neuen Mietshaus-Arbeiterquartiere wiesen nicht nur eine hohe Bebauungs- und Behausungsdichte, sondern auch eine beträchtliche Wohndichte auf. Im Jahre 1895 rechnete man im allgemeinen 0,41 bis 0,65 heizbare Zimmer pro Person. Auch wenn nach neueren Untersuchungen festgestellt wurde, dass sich die Wohndichte in wilhelminischer Zeit im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrzehnten nicht mehr vergrößert hat, sondern entweder stagnierte oder sogar leicht rückläufig war und dass sich auch der Anteil der damals als überfüllt geltenden Wohnungen reduzierte, so bleibt die Tatsache bestehen, dass während der gesamten Zeit des Kaiserreiches in der Regel "extrem beengte Wohnverhältnisse bestanden". In den Statistiken wurden "Familienfremde", wie Schlafgänger und Untermieter, nicht als wohnungslose Einpersonen-Haushalte gezählt, sondern gewöhnlich dem Gastfamilienhaushalt zugerechnet. Anderenfalls wäre der Wohnungsmangel statistisch gesehen noch stärker hervorgetreten. Grob gerechnet beherbergten 15 bis 20 Prozent der Haushalte vor 1914 Schlafgänger oder Untermieter. Die Nachfrage war groß. Durch die allmähliche Auflösung der Großhaushalte, vor allem im Handwerksbereich, wurden Einzelpersonen massenhaft freigesetzt. Gesellen und Lehrlinge strebten oft auch ihrerseits danach, nicht mehr im Hause ihres Meisters wohnen zu müssen, ein Trend, der sich insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkte. Doch noch 1867 verfügten in Berlin von den nicht-selbständigen Erwerbstätigen nur etwa 30 Prozent über eine eigene Wohnung, fast 29 Prozent lebten bei ihren Arbeitgebern und ungefähr 25 Prozent in Untermiete. In der Regel konnten sich all diese Personen keine eigene Wohnung leisten und wurden bzw. blieben deshalb Untermieter oder Schlafgänger.“

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Adelheid von Saldern: Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute. Verlag J.H.W.Dietz Nachf. Bonn 1995, S. 42 ff, 46 f

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