Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zur Entwicklung von Lübeck

Wolfgang Braunfels, 1976

 

Schon damals (noch vor 1226; Anm. d. Verf.)gab es neben den Dom (2) und der Stadtkirche St. Marien (3) zwei weitere Pfarrkirchen, St. Petri (5) und St. Ägidien (7), und nur für das Niedervolk sollte später noch eine vierte hinzukommen (6). Der Bischof hatte seinen Einflussbereich durch die Gründung des Benediktinerklosters St. Johann zu vergrößern gesucht, das freilich bald aus der Stadt gedrängt worden ist. Bereits 1225 waren die Franziskaner (10) und 1227 die Dominikaner gekommen, denen man nun ein Grundstück im Burgbereich (8) zuweisen konnte. (...)

Zwei Momente begünstigen die rasche Entstehung dieser reichen Stadtkrone: das neue Stadtrecht und die wirtschaftsgeographische Lage. Hinzu kam die strategische Sicherheit zwischen den Flussläufen. Beachten wir zuerst den zweiten Punkt.

Zwischen Nord- und Ostsee, Flandern und den Städten am Rhein einerseits und den gesamten skandinavischen und später baltischen Ländern andererseits gab es so gut wie keine Landwege und nur einen stets gefährdeten Seeweg. Lübeck, am sichersten Ort und nur 18 Kilometer von der Travemündung entfernt gelegen, erkannte die Aufgabe, die ihm als Drehscheibe zwischen West und Ost zufallen konnte. Die Waren des Westens, Produkte einer hoch entwickelten Gewerbekultur, konnten gegen den Reichtum des Ostens getauscht werden, die Erträgnisse aus Jagd, Fischfang, ausgedehnten Getreideprovinzen. Der Standort der neuen Stadt bedingte, dass sie bis weit ins 16. Jahrhundert hinein nur wenig Konkurrenz zu fürchten hatte.

Ebenso wichtig war, dass man einen neuen Gedanken zu verkaufen hatte; bürgerliche Siedlungen gab es im Ostseeraum noch nicht. Grundherren und Bauern hatten schon früher, jeder für sich, Handel versucht. Nun wurde der Handel durch eine neue Gesellschaftsordnung in feste Formen gebracht und durch das lübische Stadtrecht gesichert. Die Lübecker Kaufleute organisierten seinen zuverlässigen Verlauf. Das war ein enormer Fortschritt. (...)

Von den Mächten, die die Stadt Lübeck zu beherrschen suchten, schieden als erste die Landesherren aus. Ihre Burg wurde Kloster und Stadtbefestigung. Als zweites wurde die Macht des Bischofs zurückgedrängt. Im ganzen Heiligen Römischen Reich nahm er von vorneherein eine Sonderstellung ein. Er verfügte über keinerlei Rechte innerhalb der Stadt. Der Bau seines romanischen Domes wurde noch von Heinrich dem Löwen gefördert, doch lag er, wie in Venedig, am äußersten Stadtrand (...).

Die Stadt als dritte Macht gab ihrem Sieg mit der Marienkirche und der Anlage von Rathaus und Markt deutlichen Ausdruck. Sie erhob sich nicht nur auf der höchsten Stelle der Halbinsel; ihre Türme, nicht die des Domes, beherrschten das Erscheinungsbild.

Gleich bedeutsam als städtebauliche Leistung sind die Straßenräume, deren Hausfassaden sowohl die Rechtsordnung spiegeln, die sich die Stadt gegeben hatte, wie auch ihre Sozialordnung. Zwischen dem Markt und der Trave im Westen lag das Viertel der Kaufmannsgeschlechter, die auch die Regierung stellten. Sie alle besaßen nahezu gleiche Hausstellen von rund 9 Metern Breite und rund 36 Metern Tiefe, 25 zu 100 Fuß, an den fünf Parallelstraßen herunter zur Schiffsanlege. (...) In den Vierteln der Handwerker und des Niedervolkes waren die Hausstellen ebenso genau berechnet, doch wesentlich kleiner. Nach den großen Bränden des 13. Jahrhunderts setzte sich die Verordnung durch, nach der alle Fassaden aus Ziegelsteinen erbaut werden mussten. (...) Die Kaufmannsgeschlechter haben bei ihren Planungen auch an ihre sozial absinkenden Mitglieder gedacht. Zur Armenpflege gehörten die Armengänge, die einzelne hinter den Häusern stifteten. Es waren Sackgassen mit Kleinsthäusern.

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Wolfgang Braunfels: Abendländische Stadtbaukunst. Köln 1976, S. 89 ff

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