Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Das Primat der Stadt vor dem des Staates

Lewis Mumford, 1979

 

„In der mittelalterlichen Stadt gelang es der geistlichen und der weltlichen Macht mit ihren Berufsständen - Krieger, Kaufmann, Priester, Mönch, Sänger, Scholar, Handwerker und Händler -, ein gewisses Gleichgewicht herzustellen. Dieses blieb zwar immer heikel und unsicher, aber man bemühte sich ständig, es zu erhalten und hatte auch Erfolg, weil jedes gesellschaftliche Element sein Gewicht hatte und angemessen vertreten war. Bis zum Ende des Mittelalters - und das ist sogar ein Anzeichen dieses Endes - war kein Element stark genug, um dauernd ein Übergewicht über die andern zu erlangen. Daher war die mittelalterliche Stadt (...) äußerlich und politisch in mancher Hinsicht eine originelle Schöpfung. Freiheit, Gleichheit der Stände, demokratische Teilhabe und Autonomie wurden in keiner Stadt des Mittelalters jemals ganz verwirklicht; aber es gab dort vielleicht ein größeres Maß von alledem, als es je zuvor gegeben hatte, auch nicht in Griechenland. Für kurze Zeit siegte die Communitas über das Dominium.

(...)

Durch Kämpfe, Feilschen, durch schlichten Kauf oder durch alle diese Mittel zusammen erwarben sich die Städte das Recht, regelmäßig Markt zu halten, durch ein besonderes Marktrecht geschützt zu sein, Münzen zu prägen sowie Maße und Gewichte einzuführen; ferner das Recht der Bürger, vor ihren eigenen Gerichten nach eigenen Gesetzen und Verordnungen abgeurteilt zu werden, und nicht zuletzt eben das Recht, Waffen zu tragen. Diese Befugnisse, die einstmals die Zitadelle für sich beansprucht hatte, gehörten jetzt der Stadt, und jeder Bürger war für ihre Ausübung mitverantwortlich.

(...)

Was den Freibrief (der die Stadtrechte einräumte; Anm. d.Verf.) selber angeht, so führte er zu der gesetzlichen Fiktion, die immer noch pietätvoll bewahrt wird, dass die Stadt ein Geschöpf des Staates sei und von dessen Gnaden lebe. In Wirklichkeit sind heute alle historischen Städte Europas älter als der Staat, der solche Rechte für sich beansprucht, und führten ein unabhängiges Dasein, schon lange bevor ihr Daseinsrecht anerkannt wurde!“

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Lewis Mumford. Die Stadt. Berlin 1979, S. 294, 308

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