Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Interessenskonflikte bezgl. der Lübecker Altstadt

Volker Zahn, 2005

 

Die Altstadt ist das ökonomische und kulturelle Zentrum für 450.000 Menschen in Stadt und Umland, Standort für alle regional bedeutsamen Einrichtungen und Institutionen: Ein geschichtsträchtiger Ort, authentisch und Identität stiftend. Unverändert sind mehr als 20% aller Arbeitsplätze und über 30% aller Einzelhandelsverkaufsflächen in der Altstadt konzentriert.

Stadtentwicklungspolitisches Ziel ist die Erhaltung des UNESCO-Stadtdenkmals in seiner Gesamtheit (Stadtgrundriss, Parzelle, Block, Straße, Platz, Gebäude, Fassade, Dach, Material…) einschließlich seiner Einzelbaudenkmäler. Zugleich soll die Wirtschaftsfunktion der Altstadt weiter entwickelt, ihre Einkaufsfunktion gegenüber der „grünen Wiese“ gestärkt und ihre Wohnfunktion ausgebaut werden - Altstadterhaltung als ein gesamtgesellschaftlicher Prozess.

Eine Quadratur des Kreises, deren Widersprüche zwischen überforderten Kommunalpolitikern, gewinnorientierten Investoren, dogmatischen Denkmal- und Städtebauromantikern, existenzgefährdeten Einzelhändlern, betroffenen Grundstückseigentümern, Bürgerinitiativen, Bewohnern und einer nicht immer seriös berichtenden Lokalpresse täglich neu gelöst werden müssen: Keine Aufgabe für konfliktscheue Stadtplaner mit dünnem Nervenkostüm.

Die Erhaltung der Altstadt setzt die Bereitschaft zu baulichen und funktionalen Veränderungen voraus. Die Stadt und ihre Gesellschaft sind einem permanenten Wandel unterworfen. Es gilt, Veränderungen ohne Zerstörung schützenswerter Altstadtstrukturen zu ermöglichen, neue Anforderungen von Handel, Dienstleistung und Gewerbe in unterschiedliche historische Strukturen zu integrieren. Dazu bedarf es einiger Regeln, zum Beispiel: Beibehaltung von Parzellen, Einzelgebäuden, vertikalen Funktionen und Fassadengliederungen, kleinteiliger Nutzungsvielfalt, Nachbarschaften und Milieus in den historischen Quartieren. Ermöglichung von parzellenübergreifenden großflächigen Nutzungen, horizontalen (Handels)Funktionen (Kaufhäuser), zum Teil auch Parkhäuser in den Wiederaufbaugebieten der 50er Jahre. Auch denkmalgeschützte Altstädte müssen für den PKW erreichbar sein.

Und noch eine Regel: Keine anbiedernden historisierenden Neubauten, sondern „knackmoderne“ zeitgemäße Architektur und die bestmögliche Gestaltqualität durch öffentliche Wettbewerbe. Jede Generation hat die Aufgabe, ihre eigenen Baudenkmäler für die folgenden Generationen zu schaffen.

Die Einhaltung von Regeln führt immer wieder zu Interessenkonflikten zwischen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bewohnern: Arbeitsplätze, Investitionen, Wirtschaftlichkeit, Gewerbesteuer etc. versus Denkmalschutz, Parzellenstruktur, Architekturqualität, Milieu etc. - das sind klassische Gegensätze, wenn Veränderungen erreicht oder verhindert werden sollen. Die Grenzen für Veränderungen historischer Stadtstrukturen sind fließend. Sie sind immer dann erreicht, wenn die Altstadt das zu verlieren droht, was sie für Bewohner, Geschäftstreibende und Besucher so einmalig macht: Unverwechselbarkeit, Geschichte, Vielfalt, Maßstab und Identität.

Darüber muss an jedem Einzelfall neu diskutiert und entschieden werden. Die permanente öffentliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und stadtbaugeschichtlichen Werten der denkmalgeschützten Lübecker Altstadt ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für deren Erhalt.

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Volker Zahn, Stadtbausenator Lübeck a.D., 2005 (Originaltext)

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