Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Wie finanziert man ein Weltkulturerbe?

Hans-Peter Stricker, 1991

 

„Als der größte Teil der Lübecker Altstadt 1987 von der UNESCO in die World Heritage List eingetragen wurde, übernahmen damit die "nationalen Regierungen" die Verpflichtung, das "Weltkulturerbe" zu schützen und zu pflegen. In Lübeck verband sich mit der Eintragung die Erwartung, dass sich der Bund und das Land jetzt stärker an der Aufgabe der Altstadterhaltung in Lübeck finanziell beteiligen würden. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Rein rechnerisch gesehen flossen die zugeteilten Finanzmittel insgesamt sogar spärlicher als vor 1987. Der Bund beteiligte sich zwar mit Anteilsfinanzierungen durch den "Fonds für Denkmale mit besonderer nationaler Bedeutung" bei zwei Sanierungsvorhaben (Turm St. Petri, westl. Gewölbejoch St. Katharinen). Ansonsten verwies man in Bonn jedoch hartnäckig auf die Kulturhoheit der Länder.

Die Erwartungen in Lübeck auf Hilfe aus Kiel hielten sich von Anfang an in Grenzen. Die Finanzschwäche des Landes Schleswig-Holstein ist notorisch. Überdies existieren Besonderheiten. Im Bereich der Denkmalpflege hat Lübeck bis heute seine Eigenständigkeit bewahren können. Zwar gilt das schleswig-holsteinische Denkmalschutzgesetz, aber die städtische Denkmalpflege mit dem Bürgermeister als "oberer Denkmalpfleger" arbeitet unabhängig. Die Vorteile dieser Besonderheit für die Stadt, die über ein Drittel aller denkmalgeschützten Objekte Schleswig-Holsteins besitzt, sind in der denkmalpflegerischen Praxis offensichtlich. Die Nachteile lassen sich jedoch auch nicht übersehen. Nicht Kiel bezahlt die Denkmalpflege, sondern Lübeck muss selbst für die über tausend rechtskräftig geschützten Denkmale und natürlich auch für die zahlreichen einfachen Kulturdenkmale finanziell aufkommen. Das Lübecker Stadtparlament, die Bürgerschaft, bewilligte dafür 1985 500000 DM, für 1990 und 1991 standen und stehen je 450999 DM zur Verfügung. Zum ersten Mal hat jetzt Lübeck auch Landesmittel in Höhe von 1 Mill. DM für denkmalpflegerische Arbeiten bei der Sanierung eines Kaufmannshauses erhalten. Dieses Geld stammt aus einem vom Land aufgestellten Sonderprogramm in Höhe von 27 Mill. DM zur Rettung von Gebäuden, bei denen der Denkmal- und Nutzwert weit auseinander fallen.

Die dargestellte Finanzsituation bedarf jedoch einer Ergänzung. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt seit Jahren über den kommunalen Finanzausgleich hinaus Kiel als Landeshauptstadt mit jährlich 1,5 Millionen und Lübeck wegen seiner Bedeutung als Kulturdenkmal mit dem gleichen Betrag. Die Kieler Zuweisung ist jedoch haushaltsrechtlich nicht zweckgebunden und versickert daher im allgemeinen städtischen Haushalt, der seit vielen Jahren nur durch Verschuldung einen Ausgleich zwischen Ausgaben und Einnahmen erreichen kann.

Erfreulicher mutet der Überblick über die Finanzen nach dem Städtebauförderungsgesetz an. Da Lübeck das vorgesehene Drittel an den Kosten nicht aufbringen kann, trägt das Land zusätzlich einen Teil des Lübecker Anteils, der gegenwärtig etwas unter 20 Prozent liegt. Bislang wurden rund 155 Millionen Mark Städtebauförderungsmittel für die Stadtsanierung aufgewendet. 1989 waren es 10,8 Millionen, 1990 standen 8,5 Millionen zur Verfügung, und 1991 waren 8,46 Millionen vorgesehen. Mit diesem Kapitaleinsatz wird gegenwärtig in 26 festgelegten Sanierungsgebieten, die 41 der 100 Blöcke der Altstadt umfassen, die Sanierung nach der Städtebauförderung betrieben. Die beachtlichen Beträge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass faktisch jährlich je Sanierungsgebiet nur wenige hunderttausend Mark zur Verfügung stehen und dass auch heute noch, nicht nur außerhalb der festgelegten Sanierungsgebiete, historische Bausubstanz verfällt. In Relation zur Aufgabe schrumpfen die bereitgestellten Fördermittel auf das Maß ihrer tatsächlichen Größenordnung. Kein Zweifel, die Beträge sind unzureichend, um die Altstadtsanierung meistern zu können. Eine Steigerung wäre notwendig. Sie ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil, die Lübeck zugewiesenen Mittel schrumpfen kontinuierlich. Ohne die Erhöhung des Gesamthaushaltsbetrages bezieht die Landesregierung jährlich immer mehr Kommunen in die Städtebauförderung ein. Die Folge: Der Lübecker Anteil geht beständig zurück.“

________________________________________________________________

Hans-Peter Stricker: Wie finanziert man ein "Weltkulturerbe"? in: Bauwelt 29-30/91, S. 1525

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche