Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über die Notwendigkeit des Erhaltens

Hans-Dieter Schmidt, 1975

 

„Zum ersten ist die Zeit des großen Bauens vorläufig vorbei, der Wohnungsmarkt geht einem Sättigungsgrad entgegen, die Schwindel erregenden Baukosten verleiden auch der öffentlichen Hand, durch öffentliche Investition Daseinsvorsorge zu betreiben. Architekten und Städtebauer, Wohnungsunternehmen und Kapitalgesellschaften haben verschiedentlich versucht, sich oder unserer - spätkapitalistischen - Gesellschaft Denkmale zu bauen. Stadtdenkmale sind diese Reißbrettetüden auf der grünen Wiese jedoch vorläufig noch nicht.

(...)

Das viel zitierte historische Erbe, der Nachlass der Bauwut und der Bausünden unserer Vorfahren wird eher als Bürde denn als Zierde empfunden. Zwar ist Sanierung sehr in Mode gekommen, zwar gibt es allenthalben nette Beispiele davon, wie sich Kunstliebhaber mit dem anmutigen Dekor eines historischen Gemäuers umgeben - alt schmückt ungemein -, häuft sich dieses historische Gemäuer jedoch zu einem Haufen, der in Schutt zu fallen droht, zu Quartieren, in denen man nicht wohnt, zu historischen Stadtkernen, die man als Tourist gern besucht und gern wieder verlässt, dann ist die Freude dessen, der für die Erhaltung dieses Erbes zuständig ist, gering und die Sorge groß. Und manchem will scheinen, als schließe die alte Stadtmauer einen Circulus vitiosus ein: Die alte Substanz steht noch, weil die Nachfrage nach Grundstück und Standort fehlt; weil die Nachfrage fehlt, sind die Mieten niedrig, weil die Mieten niedrig sind, wird nicht investiert, weil nicht investiert wird, verfällt die Substanz, weil die Substanz verfällt, verschlechtert sich die Nachfrage nach dem Standort.

(...)

Die Arbeitsgemeinschaft (Bamberg, Regensburg, Lübeck; Anm. d. Verf.)stellt die Notwendigkeit, ihre historischen Stadtkerne der Nachwelt zu überliefern, erst gar nicht in Frage. Aus der Sicht dieser Städte ist das sicher völlig gerechtfertigt. Man kann jedoch wohl nicht davon ausgehen, dass diese Auffassung Allgemeingut ist. Noch vor wenigen Jahren glaubte man (...), Stadtsanierung habe vornehmlich dazu zu dienen, Grundstücke mit hohem Lagewert in unseren Innenstädten durch Beseitigung der vorhandenen Substanz für eine rentable Bebauung freizumachen. So etwas hieß schlicht: Flächensanierung. Der Regelfall der Sanierung war und ist nach diesem Gesetz der Abriss und der Neubau. Sozusagen als Ausnahme regelte das Gesetz den Fall eines denkmalgeschützten oder städtebaulich wichtigen Einzelobjektes (...). Dieser Sonderfall der Modernisierung eines denkmalgeschützten oder städtebaulich wertvollen Einzelobjektes ist aber der Regelfall in jedem alten Stadtkern, der aus einer Summe solche Einzelobjekte besteht. Diese Altstadtkerne mit einer Flächensanierung zu überziehe! hieße, sie zu beseitigen. (...)

Wenn man einen Menschen mit einer Wohnung wie mit einer Axt totschlagen kann, dann sollte man ebenfalls mit einer Axt jene totschlagen, die glauben, das »Milieu« erhalten zu müssen. Der Architekt wird zum Operettendekorateur, wenn er glaubt, nachdem ihm seine eigene Formensprache ausgegangen ist, sich der Sprache eines Genres bedienen zu müssen, die er ganz offensichtlich nicht versteht und noch weniger beherrscht. Den Vätern des Städtebauförderungsgesetzes - wer immer sich heute auch dafür ausgibt - gebührt Dank. dass sie den Terminus technicus Sozialplanung in das Gesetz einführten und nicht näher definierten. So bietet das Gesetz weniger eine Aufforderung zur Systemveränderung als vielmehr die Chance, ein gewaltiges Stück Sozialpolitik zu installieren auf dem Wege zu mehr Gerechtigkeit für mehr Bürger, für mehr Chancengleichheit und mehr Lebensqualität, wenn man der Gefahr aus dem Wege geht, dass bestimmte Interessengruppen dieses Gesetz ausschließlich für ihre Zwecke entfremden - und das möglicherweise noch unter dem Beifall der auf die Milieuerhaltung gebannt blickenden Architektenschaft. Bei aller nostalgischen Sanierungseuphorie darf auf keinen Fall übersehen werden, dass unter bestimmten Voraussetzungen, (tragbare Mieten, angemessene technische Ausstattung, Verbesserung der Umgebungsqualität) in früheren Zeiten gemachte Quartiere für heute lebende Gruppen die bessere Wohnumgebung sind als sie der moderne »kapitalistische« Städtebau ihnen anzubieten vermag. Über die ästhetische Qualität und die emotionale Bindung hinaus bieten sie ihm mehr Spielraum, seinen persönlichen Bedürfnissen entsprechend zu leben und zu handeln, d.h. mit seinen Mitteln seinen Teil Lebensqualität zu realisieren, als "zeitgemäße Stadtbaukunst" zu realisieren vermöchte.“

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Hans-Dieter Schmidt: Wie erhält man ein Stadtdenkmal? In: Baumeister 2/75, S. 115 ff

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