Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über die sozialistische Musterstadt Stalinstadt

Ruth May, 1999

 

„Stalinstadt alias Eisenhüttenstadt ist ein eigenartiges Dokument einer vorausschauender Planung. Das Überraschende an Eisenhüttenstadt ist die Qualität der Planung, die sich unter heutigen Bedingungen bewährt, unter Bedingungen, die beim Bau der Stadt nicht abzusehen waren. Die Musterstadt des Sozialismus geht nicht mit ihm unter, sondern sie erfährt eine Blüte.

Der Stahlstandort ist gesichert und wurde in den letzten Jahren ausgebaut und modernisiert. Damit wird eine Standortwahl bestätigt, die unter industriepolitischen Sonderbedingungen getroffen wurde: Der DDR fehlte eine naturale "Basis" (Eisenerze und Steinkohlevorkommen) für die Produktion von Eisen und Stahl, die eine "natürliche“ Standortentscheidung präjudiziert hätte. Die für die Produktion erforderlichen Rohstoffe mussten aus Polen und der Sowjetunion importiert werden. Insofern war ein Standort ar der polnischen Grenze nahe liegend. Ausschlaggebendes Kriterium für diesen Ort wurde seine verkehrsgünstige Lage: Bei dem Städtchen Fürstenberg trafen sich eine Bahnlinie eine Fernstraße, die Oder und der Oder-Spree-Kanal. Der Standort war und ist ideal für die Verbindung von Ost- und Westeuropa. (...)

Eisenhüttenstadt ist eine lebendige Stadt, mit der die Leute zufrieden sind. Die Infrastruktur ist besser als in anderen Städten der ehemaligen DDR. Das Zentrum. die Hauptstraße ist städtisch, und sie wird so genutzt. Der alte Stadtkern der zu Beginn der sechziger Jahre eingemeindeten Stadt Fürstenberg spielt eine eindeutig untergeordnete Rolle. Die Nähe zum Werk wird nicht als störend empfunden, sie ist in der Stadt kaum zu bemerken. Die Wohnviertel bestehen aus großen viergeschossigen Wohnblocks mit weiten grünen Innenhöfen. die durch ein Fußwegenetz verbunden sind. Die Wohngebiete oder Wohnkomplexe sind nicht zu groß (je ca. 6000 Einwohner), aber in Anlage und Gestalt groß genug, um offene und (halb)öffentliche Raumsituationen zu schaffen, und zwar auch in den Innenbereichen der Blöcke, in denen zum Beispiel Kindergärten untergebracht sind. Die städtebaulichen Anordnungen und Details bieten Varianten, die Wege sind kurz, die Orientierung ist verhältnismäßig einfach. Das Straßennetz folgt einer dem Prinzip nach strengen Ordnung, die im leichten Schwung der Straßenführung aber nicht monoton wirkt. Die Blockrandbebauung gliedert in großen Zügen einen städtischen Raum. der unterschiedliche Qualitäten verbindet. Nicht zuletzt die ausgedehnten Grünanlagen, die die ganze Stadt durchziehen, sind der Stolz der Eisenhüttenstädter.

_______________________________________________________

Ruth May: Planstadt Stalinstadt. Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur, Dortmund 1999, S. 11

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche