Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Die bauliche Situation nach 1945

Prof. Dr. Gert Kähler, 2001

 

„Am Ende des Krieges waren 13 Millionen Menschen in Deutschland obdachlos, hatte es knapp 600 000 Tote durch die Luftangriffe gegeben; es gab 400 Millionen Kubikmeter Trümmer; von 18,8 Millionen Wohnungen waren 4,8 Millionen zerbombt. Mehr als fünfzig Prozent des Wohnraums waren 1945 zerstört in: Kiel, Hamburg, Emden, Bremen, Prenzlau, Frankfurt/Oder, Berlin, Eilenburg, Magdeburg, Hannover, Rheine, Kleve, Bocholt, Osnabrück, Münster, Halberstadt, Dresden, Kassel, Paderborn, Soest, Hamm, Dortmund, Essen, Wesel, Düsseldorf, Mönchen-Gladbach, Aachen, Düren, Köln, Siegen, Gießen, Koblenz, Hanau, Frankfurt, Offenbach, Bingen, Mainz, Darmstadt, Bad Kreuznach, Würzburg, Nürnberg, Pirmasens, Heilbronn, Pforzheim, Stuttgart, Ulm, Freiburg, Friedrichshafen.

(...)

1945: Ein Land, ein Volk in Trümmern. 3 Millionen tote Soldaten, knapp drei Millionen Vermisste, knapp eine halbe Million Opfer des Bombenkrieges. Eine bis zwei Millionen starben auf der Flucht, verhungerten, wurden verschleppt oder nach der Kapitulation noch getötet. Eine historisch nie gekannte gigantische Völkerwanderung: zwölf Millionen Flüchtlinge suchten eine neue Heimat, davon acht Millionen im Gebiet der westlichen Besatzungszonen (...).

Es war keine friedliche „Solidargemeinschaft“, die sich im Nachkriegsdeutschland zusammenfand. Gegenseitiges Misstrauen, Angst vor Verfolgung unter den alten Nazis, Sorge und Kampf ums nackte Überleben, um das „Dach über dem Kopf“, Aversionen gegen die Flüchtlinge, die von dem Wenigen abhaben wollten, das man selbst besaß, das waren die vorherrschenden Motive. Die Sprache, mit der sie abgelehnt wurden, war die gleiche rassenideologisch geprägte, wie sie die Nationalsozialisten pflegten; die „Reinigung in den Köpfen“ hatte noch nicht einmal angefangen. Ein Beobachter der Flüchtlingsszene in Schleswig-Holstein, das die meisten von ihnen aufzunehmen hatte, schrieb 1946, die Einheimischen sähen den Zuzug so „dass hier augenscheinlich ein ‚fremdes Volk‘, das die schlechtesten menschlichen Eigenschaften besitzt, den Schleswig-Holsteinern aufgezwungen ist (...) Wenn ich mir überlege, dass dieser Eindruck mir von Deutschen über Deutsche vermittelt wurde, so kann ich nicht umhin, festzustellen, dass das deutsche Volk, sehr gelinde gesagt, in seinem Unglück wenig Solidarität zeigt“.

Staatliche Zukunft? Neues Bauen? Alles zunächst einmal keine Themen: „Man muss solchen Illusionen gegenüber feststellen, dass (...) (Deutschland) in fünfzig Jahren kaum noch dreißig Millionen Einwohner zählen wird. Denn die Älteren sterben vorzeitig (...), die Zahl der Neugeborenen wird abnehmen, denn wer mag Kinder zeugen, wenn ihnen das Leben keine Chance mehr bietet, dezimierend werden auch die unzulänglichen Wohngelegenheiten, die Seuchen und Ernährungsschwierigkeiten wirken“ schrieb ein Städtebautheoretiker; er dürfte damit die Mehrheitsmeinung getroffen haben.“

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G. Kähler: Ein JahrHUNDERT BAUTEN in Deutschland. dva Stuttgart 2001, S. 104, 110

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