Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Eisenhüttenstadt unter Denkmalschutz

Christian Arns, 1993

 

„Eisenhüttenstadt soll ein Museum werden. Die ganze Stadt wäre dann zu besichtigen, 40 Jahre .DDR könnte das 50.000-Einwohner-Dorf verkörpern. Die Idee, mit dem DDR-Image der Stadt zu wuchern, liegt nahe: Schließlich wurde Stalinstadt, wie "Hütte" früher hieß, als erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden geplant und war fortan der ganze Stolz der DDR-Regierung. Die Ideale des Sozialismus flossen in die Architektur ein. Die graubraunen Wohnblocks aus den frühen 50er Jahren haben riesige Innenhöfe, in. denen die Menschen gemeinsam leben und einander begegnen sollten. Heute sind die Rasenflächen ungepflegt, die Fassaden heruntergekommen, und Blechwände um Müllcontainer verschandeln den Anblick derart, dass an Geselligkeit nicht zu denken ist.

Trotzdem sind die relativ großzügig geschnittenen Wohnungen mit hohen Decken noch immer die beliebtesten in der Stadt, denn die Ansprüche wurden in den folgenden Baujahren heruntergeschraubt. Je neuer die Wohnviertel sind, desto weniger Platz ist zwischen den Häusern, desto höher und liebloser sind sie gebaut. Im neuesten Wohngebiet, das unmittelbar an das alte Städtchen Fürstenberg grenzt, reihen sich hässliche Wohnsilos aneinander, dazwischen ist gerade genug Platz, um Auto zu fahren und zu parken. So ließe sich gerade in Eisenhüttenstadt die Geschichte des in der DDR verwirklichten Sozialismus nachvollziehen, meint Timo Schön. Der Unternehmensberater aus Braunschweig ist Initiator des Gedankens, die „DDR-Geschichte systematisch zu vermarkten“.

(...)

Dem genau entgegen laufen die Pläne des Eisenhüttenstadter Bundestagsabgeordneten, des FDP-Politikers Jörg Ganschow. Stets auf Bruch mit der DDR-Vergangenheit bedacht, ruft er die Bürger der Stadt auf, sich Namen für ihre Stadtteile einfallen zu lassen. Bislang sind sie lediglich unpersönlich in sieben Wohnkomplexe eingeteilt und durchnumeriert. Damit müsse Schluss sein, meint Ganschow, der "in regelmäßigen Abständen fordert, die ganze Stadt umzubenennen. Der Name schrecke Investoren ab; warnt der Liberale (...).

Völligen Neuerungen stehen sie (die Bürger; Anm. d. Verf.) kritisch gegenüber. (...)

Sie schielen lieber und selbstverständlicher zur Obrigkeit, wenn es irgend etwas zu tun gibt. (...) Das Bewusstsein, dass "Staat schon macht", ist noch tiefer in den bis vor vier Jahren privilegierten Herzen verwurzelt als die Freude über das Ende der Unterdrückung, deren 4Ojährige Dauer die Hüttenstädter oft und mit leidvollem Gesicht beklagen. So hat sich die Idee des Unternehmensberaters Schön längst von allein verwirklicht: Eisenhüttenstadt ist ein DDR-Museum.“

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Christians Arns: Ein Museum mit lebendigem Inventar. die tageszeitung, 31.8.1993, S. 12

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