Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

W. H. Riehl über die Zuwanderung in die Großstädte 1894

W. H. Riehl, 1894

 

„Das fabelhaft rasche Anwachsen unsrer größeren Städte geschieht nicht durch einen Überschuss an Geburten, sondern durch einen Überschuss der Einwanderung. Das Land und die kleine Stadt wandert aus nach der Großstadt. Die überwiegende Masse dieser Einwanderer besteht aber aus einzelnen Leuten, die noch keinen festen Beruf, kein eigenes Hauswesen haben, die in der großen Stadt erst ihr Glück machen wollen. Es ist ihnen daheim zu langsam vorwärts gegangen, in der großen Stadt aber hoffen sie ernten zu können, ohne gesät zu haben. Sicher finden nur wenige dieses geträumte Glück, die Mehrzahl dagegen strömt nach einiger Zeit wieder ab; dafür treten aber wieder ebenso viele und noch mehr Nachströmende ein, die ebenso rasch wieder verschwinden. Nicht durch die sesshafte, sondern durch die flutende und schwebende Bevölkerung werden unsre Großstädte so ungeheuerlich. Schon diese einzige Tatsache sollte den Sozialpolitiker stutzig machen. Luxusarbeiter, Spekulanten, Lehrlinge, Gehilfen, Dienstleute, Taglöhner usw. sind es, die den Bevölkerungsziffern jener Städte so viele Nullen ansetzen. Das Proletariat ist es, das von den kleinen Städten in die großen flutet, um von dort aus Stadt und Land zu beherrschen. Nicht die notwendigen, den unabweislichen Lebensbedürfnissen dienenden Gewerbe vermehren sich auffallend rasch in den Großstädten, sondern die kurzlebigen Luxusgewerbe, denen das Proletariat im Schoße sitzt. In Berlin z. B. haben sich seit 1784 die Zimmerleute, Maurer, Gerber usw. gar nicht vermehrt, sondern vermindert; dagegen sind die Buchbinder, Lackierer, Fabrikanten von musikalischen Instrumenten usw. wunderbar zahlreich geworden. Am stärksten aber nehmen zu Taglöhner und Gesinde.

Die ländliche Bevölkerung lebt größtenteils familienweise zusammen, die städtische dagegen zu einem starken Teile vereinzelt. Diese Vereinzelung nimmt zu, je mehr die größeren Städte Großstädte werden. Schon hier ist eine sehr bedeutende Kluft zwischen Stadt und Land gesetzt, die sich leider durchaus nicht verringert, sondern vielmehr zusehends erweitert. (...) Das allgemeine Stimmrecht würde die bereits angebahnte Übermacht der großen Städte über das Land vollenden, während ein auf Sesshaftigkeit, eigenen Hausstand und Besitz gegründetes Stimmrecht das moderne Überwiegen der Stadt über das Land so ziemlich wieder ausgleichen würde. Die Herrschaft der Großstädte wird zuletzt gleichbedeutend werden mit der Herrschaft des Proletariats. Schon im Jahre 1840 war der 45. Preuße ein Berliner, der 35. Franzose ein Pariser und von je 15 Engländern wohnte je einer in London. In diesen Ziffern der Einwanderer vom Lande zur Großstadt liegt eine weit größere Summe von Gefahren für die individuelle Entwicklung unseres gesamten Volkslebens versteckt, als in den Ziffern der Auswanderer nach fernen Weltteilen, die freilich dem Volkswirt unheimlicher ins Ohr tönen mögen. (...)“

________________________________________________________________

W.H. Riehl: Land und Leute. Stuttgart 1894/2. Zitiert nach: Jürgen Kuczynski: Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Bd. 4. Bonn 1993/4, S. 186

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche