Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

G. Barbey über das Innere der Mietskasernen

Gilles Barbey, 1984

 

„Bevor sich gegen Ende des Jahrhunderts ein bekannter Reformer für eine "Entkasernierung" und die Einführung der Gartenstadt in Berlin ausspricht, gilt die Mietskaserne in den Augen der Mächtigen und der Spekulanten als die Lösung der Arbeiterwohnungsfrage mit den wenigsten Nachteilen. Ein Beweis für die relative Vollkommenheit dieses Modells ist seine Funktionstüchtigkeit als Auffangsystem mit großer Fassungskapazität für die Bevölkerungsströme. Der ansehnliche und gepflegte Außenanstrich der Straßenfassaden verdeckt die Realität im Innern der Hinterhöfe. Auf beruhigende Weise symbolisierte das Nebeneinander der Mietskasernen eine soziale Struktur, in der das Kleinbürgertum das durch seinen Ort im Hof sukzessive abgestufte Proletariat einrahmt und abschirmt. Die Berliner Stadtverwaltung scheint sich in erster Linie für die Physiognomie der Straße zu interessieren, deren Flanken nur diejenigen bewohnen, die in der Lage sind, auf großem Fuß zu leben. Die Bevölkerung der Hinterhöfe entzieht sich dem Blick der Beobachter, die dem Schauspiel dieser Stadtkulisse weiter keine Aufmerksamkeit zuwenden.

Die Vororte Wedding, Kreuzberg und Neukölln sind geprägt von der durch den Hobrecht-Plan eingeführten Einheitsgeometrie, d. h. vom immergleichen und unermüdlich wiederholten Typ eines unergründlichen und düsteren menschlichen Bienenschlags. Während die Straßen im Dekor einer strengen Architektur ihre Würde bewahren, beschwört der Eintritt in die Höfe zugleich Ghettobilder der Abgeschlossenheit. Ihre Fassaden sind nackt, dunkel und schuppig, und nur selten werden sie von der Sonne gestreichelt. Der stumme Dialog zwischen den hohen blinden Mauern und den hunderten von identischen Fenstern ist deutlicher Ausdruck für den Abstieg der Arbeiterhaushalte zu den untersten gesellschaftlichen Rängen in der Stadt. Von Abfällen übersäte Höfe laden die Bewohner nicht gerade ein, sich dort aufzuhalten. Sie fungieren lediglich als Passage, die die Bewohner auf ihrem Weg nach Hause rasch durcheilen.

Das System der Einschließung der Bewohner reproduziert sich seinerseits im Innern der Häuser. Ein dunkles und steiles Treppenhaus verbindet die einzelnen Stockwerke, auf denen sich jeweils bis zu fünf Wohnungen befinden. Der Grundriss einer Familienwohnung besteht ausschließlich aus Stube und Kammer. Zwei Zimmer und zwei Fenster "genügen" den Bedürfnissen der Haushalte und ihrer Schlafgänger. Das Kasernierungsprinzip hat inzwischen einen solchen Wirkungsgrad erreicht, dass sein Beispiel aufgegriffen und nachgeahmt wird, so als handele es sich dabei um eines der schönsten Schmuckkästchen für die Arbeiterklasse.“

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Gilles Barbey: WohnHaft. Essay über die innere Geschichte der Massenwohnung. Vieweg Braunschweig/ Wiesbaden 1984, S. 32 f

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