Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Weiterentwicklung des Karlsruher Stadtgrundrisses nach der Aufklärung

W. Kieß, 1991

 

„Die Anlage (der Stadt im Absolutismus; Anm. d. Verf.) selbst brachte in ihrer ersten Fassung die Herrschaftsverhältnisse der Zeit unmissverständlich zum Ausdruck. Der äußere Kreis, der mit seinen 32 Radialwegen den Park- und Schlossbereich umzieht und durch die Nord-Süd-Achse eine dem Meridian folgende Ausrichtung erhält, sowie der innere Kreis mit Turm und Schloss als Zentrum symbolisieren augenfällig den Herrscherwillen und die Selbstdarstellung eines absolutistischen Territorialherrn. Eine Querachse in Ost-West-Richtung, die der Landstraße von Mühlburg nach Durlach folgt, gibt der Komposition in der Form eines Dreiecks eine gewisse Verankerung. In diesem tangentialen Bereich war den Bürgern und Handwerkern, entsprechend ihrer untergeordneten gesellschaftlichen Rolle, der Platz in der Residenz zugewiesen. Der Ausbau dieses ersten, von formalen wie ständischen Überlegungen gleichermaßen bestimmten Grundplanes beanspruchte etwa ein halbes Jahrhundert.

Als gegen 1765 unter dem Markgrafen KarI Friedrich (1728/56-1811) die Bebauung über die Ost-West-Achse nach Süden ausgedehnt wurde, erwies sich die Ausgestaltung der vom Schloss ausgehenden Nord-Süd-Achse als notwendig. Denn der kleine Marktplatz am Schnittpunkt der beiden Achsen musste vergrößert und die lutherische Konkordienkirche (1719-29), die bisher den Abschluss der Schlossstraße gebildet hatte, beseitigt werden.

(...)

Ohne Zweifel kommt der Schlossstraße allein schon von der Wertigkeit der Plätze und Bauten her gesehen eine besondere Bedeutung zu. Dieser von Weinbrenner ausgestaltete Straßenzug betont in seiner Achsführung, dem frühesten Ansatz folgend, die Ausrichtung auf das Schloss. Darin ist also nach wie vor die übergeordnete Stellung des Stadt- und Landesherrn symbolisiert. In sich weist die Straße aber eine Reihe selbständiger Raumschwerpunkte auf, in denen ein neu erwachtes bürgerliches Bewusstsein zum Ausdruck kommt.

Es ist aufschlussreich, diese räumliche Sequenz einmal genauer zu verfolgen. Der etwa einen halben Kilometer lange Straßenzug erstreckt sich zwischen den Bezugspunkten Schloss und Ettlinger Tor. In diesem Zwischenraum wechseln Straßenstücke als Verengungen und verschieden geformte Plätze als Ausweitungen in einer kontrastreichen Folge miteinander ab. Die Weite des Schlossplatzes im Norden (Breite 500 bzw. 200 Meter, Tiefe 300 Meter) wird man als die Selbstdarstellung landesfürstIicher Größe und Dignität zu deuten haben. Der Betrachter erlebt sie, wenn er aus dem engen nördlichen Schlossstraßenstück in den "Vorderen Cirkel“ (Schlossplatz) tritt und den über neun Fächerstraßen ausgesparten Freiraum mit dem Schloss als Blickpunkt und den seitlichen Zubauten als einrahmende Kulisse vor sich sieht. Doch dieser Schlossbereich hat durch Weinbrenners Beitrag im Marktplatz einen Kontrapunkt erhalten, aus dem nicht weniger beredt der städtische Lebenswille der Bürgerschaft spricht. Den Blick auf dieses Platzgebilde gibt die SchIossstraßenverengung in umgekehrter Richtung frei. Dieser Platz hat seine räumliche Fixierung in einem historischen Entwurfsprozess erfahren, bis er schließlich in der klassizistischen Formulierung seine endgültige Fassung erhielt. Als Vorbild standen dem Planer die griechische Agora und das römische Forum vor Augen. Diesen Mustern folgte er, als er das vom Barock abgelöste einfache und klare Raumformat mit seinen geradlinigen Begrenzungen wählte.“

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W. Kieß: Urbanismus im Industriezeitalter. Berlin 1991, S. 87f, 92

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