Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Der barocke Städtebau als Ausdruck von Hofzeremoniell

Lewis Mumford, 1979

 

„Der barocke Städtebau war in formaler Hinsicht Ausdruck von Schauspiel und Zeremoniell, wie sie am Hofe Gestalt annahmen - im Grunde also eine kollektive Ausschmückung der Lebens- und Verhaltensweise im Schloss. Das Schloss blickte nach zwei Seiten. Von der Stadt her kamen Mieten, Abgaben, Steuern, der Oberbefehl über das Heer und die Leitung der staatlichen Organe; vom Lande her kamen die wohlgestalteten, wohl trainierten. wohlgenährten und wollüstigen Männer und Frauen, die den Hofstaat bildeten und alle die Ehren, Belohnungen und sonstigen Wohltaten des großmütigen Königs entgegennahmen. Macht und Lust, eine trockene, abstrakte Ordnung und überquellende Sinnlichkeit waren die beiden Pole dieses Lebens. Mars und Venus waren die herrschenden Gottheiten, bis endlich der listige Vulkan sein eisernes Netz der Nützlichkeit über ihre wollüstigen Gestalten warf.

Der Hof war eine Welt für sich, aber eine Welt, in welcher die harte Wirklichkeit des Lebens in einem Verkleinerungsglas erschien, seine Leichtfertigkeit jedoch vergrößert wurde. Vergnügen war eine Pflicht, Trägheit eine Dienstleistung und ehrliche Arbeit eine letzte Form der Entwürdigung. Damit ein Gegenstand oder eine Verrichtung dem barocken Hof annehmbar wurde, mussten sie das Gepräge erlesener Nutzlosigkeit tragen. Die gewaltigsten Wasserräder des 17. Jahrhunderts in Marly - die heute noch arbeiten - und die riesigen hydraulischen Pumpen, die zu den größten technischen Errungenschaften der Zeit zählten, dienten lediglich dazu, die Brunnen in den Gärten von Versailles zu speisen. Fischer von Erlachs Dampfpumpe, die erste in Osterreich überhaupt, wurde nicht für ein Bergwerk verwendet, sondern für die Brunnen in den Gärten des Wiener Schlosses Belvedere; und die als Produktionsmittel so wichtige automatische Dampfmaschine erzielte ihre ersten großen Erfolge bei der Herstellung von Knöpfen (die Stanzmaschine), von Bändern (der automatische Schmalwebstuhl) und von Uniformen (die erste Nähmaschine).

Das Hofzeremoniell war ein Versuch, die Spiegelfechterei der absoluten Macht durch ein besonderes Schauspiel zu bestätigen. Ich kenne keine bessere Schilderung dieser Welt und keine überschwänglichere Darbietung ihrer betäubenden Illusionen als den Lobgesang des Dichters Nicholas Breton (1545 bis 1626): „O, dies prächtige Leben bei Hofe, wo es so vielfältig gibt, was das Herz begehrt, als wäre er das Paradies auf Erden! Die Majestät des Herrschers, die Weisheit der Räte, die Ehre der Lords, die Schönheit der Damen, die Fürsorge der Beamten, die Höflichkeit der Herren, die Gottesdienste morgens und abends, die geistreichen, klugen, edlen und erfreulichen Gespräche den ganzen Tag hindurch, die Vielfalt der Geister und die Tiefe des Urteils, die erlesenen Speisen, köstlich angerichtet und säuberlich serviert, die edlen Weine und seltenen Früchte, dazu vortreffliche Musik und liebliche Stimmen, Pantomimen und Schauspiele, Tanzen und Reiten. Eine Vielzahl von Spielen, die köstlich den Zwecken des Spielmeisters dienen; und Rätsel,

Fragen und Antworten, Gedichte, Geschichten und seltsame Erfindungen des Geistes, welche das gute Einvernehmen anregen sollen. Üppige Aufmachung, kostbare Juwelen, schöne Proportionen und muntere Stimmung, fürstliche Kaleschen und stattliche Pferde, königliche Bauwerke und ausgesuchte Architektur, liebliche Geschöpfe und höfisches Vergnügen. Im Verlauf der Liebe aber soviel Zufriedenheit und Haltung, wie sie der Geist der Belustigung in den Schoß wirft, so dass ich, wollte ich ihr Loblied den ganzen Tag hindurch singen, des Abends daran Mangel leiden müsste.“

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Lewis Mumford: Die Stadt. München 1979. S. 436 f

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