Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Ein Industriegigant wird museal

Gerhard Ullmann, 1998

 

„Um in den Olymp bedeutender Kulturdenkmäler aufgenommen zu werden, bedarf es guter Karten. Die UNESCO-Liste der Weltkulturdenkmäler ist reichlich gesegnet mit Schlössern, Kirchen, Parks und Ruinenfragmenten. Industrieanlagen, die ein Stück Technikgeschichte dokumentieren, fügen sich offensichtlich schwerer in das Weltbild dieser internationalen Behörde, denn die Zahl geschützter Technikdenkmäler ist weltweit äußerst gering. Mit der Entscheidung der UNESCO, die Völklinger Hütte in den exklusiven Club der Weltkunstdenkmäler aufzunehmen, wird zwar noch keine allgemeine Aufwertung von Industriedenkmälern ausgesprochen, aber ein Signal gesetzt, das Hoffnung macht.

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Kathedralen der Arbeit werden die Giganten aus Stahl und Schwefel bisweilen genannt, und wer daran glaubt, glaubt auch an die Schicksalsgemeinschaft von Kohle und Stahl. Stillgelegte Industrieanlagen entwickeln eine eigene Suggestion. Die Monumente der Technik, abgeschnitten von der Arbeit, bekommen eine historische Dimension. Die vitale Kraft der Form wirkt unmittelbarer, die mächtigen Hochöfen erscheinen als archäologische Zeichen, deren Funktion sich ins Ästhetische wandelt. Ruhende Industriegiganten, von Röhren und Leitungen umschlungen, erlauben es, rückwärts zu schauen und der Zeit als Motor für Veränderung eine eigene Qualität zuzugestehen. Und so ist es vielleicht nicht ganz abwegig, im Verrotten eines Denkmals ein sich dekonstruierendes Kunstwerk zu sehen, das in eigener Regie seinen langsamen Verfall selbst inszeniert und sich damit einer allzu schnellen Inbesitznahme verweigert. Wer freilich wie der Bielefelder Professor Wolfgang Selle für solch radikalen ästhetischen Umwandlungsprozess plädiert, zerschneidet die Bindungen zur Geschichte und beschränkt die sinnliche Erfahrung auf das rein Visuelle. Pathos und Mythos wären aufmerkwürdige Weise in einem Bild vereint, Sozialgeschichte ins Kontemplative gewendet.

(...)

Industriedenkmäler haben eine lange Produktionsgeschichte und, wenn es hochkommt. einen kurzen Nachruf. Die allmählich steigende Akzeptanz ist jedoch weniger das Verdienst von Wissenschaftshistorikern oder wachsamen Denkmalschützern, sondern resultiert aus den Verlusten, die wir tagtäglich erleben. Auch geschützte Denkmäler unterliegen dem Verschleiß. Das Konzept des Landeskonservators Peter Lüth arbeitet mit der Zeit, indem es Teilbereiche der Hütte kontrolliert verfallen lässt. So macht der Landeskonservator aus einem finanziellen Notstand eine Tugend. Er öffnet das Werksgelände für neugierige Besucher und sichert Teilbereiche der Anlage. Gewiss, auch ein Spiel mit dem Genius Ioci. Was jedoch für die Erhaltung wichtiger ist, sind neue Nutzungskonzepte.

Der Landeskonservator Lüth ist bemüht, die knapp bemessenen Finanzen besucherfreundlich einzusetzen. So ist durch die Installation einer Heizung im Gebläsehaus der Raum ganzjährig für Veranstaltungen bespielbar und mit dem Einbau einer Bühne die Attraktivität für das Publikum gewährleistet. Zusätzlich wurde mit der Fertigstellung eines Open-Air-Geländes Platz für Großveranstaltungen geschaffen. Auch die Hochschule für Bildende Künste Saarbrücken hat die stimulierende Wirkung dieses Milieus erkannt. Nach den klassischen Disziplinen wie Malerei, Grafik und Plastik werden auch Tanz und Musik in den Werkstätten angeboten. Die Arbeiten der Künstler in der Handwerkergasse sind ein Hinweis darauf, dass sich die Kunst auf die Öffentlichkeit weiter zu bewegt, für die Völklinger Hütte ein wichtiger Impuls, einer frühzeitigen Musealisierung entgegenzuwirken.

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Gerhard Ullmann: Ein Industriegigant wird museal. In: db 1/98, S. 30 f

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