Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zum städtebaulichen Plan der HafenCity

Gert Kähler, 1999

 

" 'Ein lebendiges, urbanes Stück Stadt’ wollen sie haben. So sagt es jedenfalls Hamburgs Erster Bürgermeister Ortwin Runde, nachdem die Entscheidung im städtebaulichen Wettbewerb für Hamburgs größtes Stadtprojekt der nächsten fünfzig Jahre gefallen ist. Nun kann sich heute in Zeiten zunehmender Privatisierung öffentlicher Räume einerseits, des stillen Aussterbens der Hamburger Innenstadt andererseits niemand so recht etwas unter ‚urban’ und ‚städtisch’ vorstellen. Aber das muss ja niemanden daran hindern, darüber nachzudenken - auch nicht den Ersten Bürgermeister.

Seit 1996 hat die Hamburger Innenstadt - nicht untypisch auch für andere Städte - ein Viertel ihres kaufkräftigen Publikums verloren, ohne dass die Politik darauf bisher anders reagiert hätte als mit aufgeregtem Flügelschlagen und einer Diskussion darüber, ob man die Bürgersteige an die Geschäftsinhaber verpachten solle, damit dort eine private Polizei für die Ordnung sorgen kann, die die staatliche nicht erreicht.

Dabei wäre das Rezept ganz einfach: Wenn wieder Menschen auf den Straßen flanieren sollen, müssen dort Menschen wohnen - die aber hat man in Hamburg seit dem Beginn des Jahrhunderts mehr oder weniger systematisch aus der Innenstadt vertrieben: Wohnmieten bringen nun einmal keine so hohe Rendite wie Laden- oder Geschäftsmieten

(...)

Nur: Wo sollen die Wohnungen gebaut werden, wenn doch die Sache mit den Mieten immer noch wahr ist? Hier kommt Hamburg eine allgemeine, weltweit zu beobachtende Entwicklung entgegen.

(...)

Vor zwei Jahren zog der damalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau kurz vor der Wahl das Kaninchen einer neuen, auf diesen Flächen zu bauenden "HafenCity" aus dem Hut, ein Projekt, das jahrelang wegen der am Wasser besonders gefährlichen Immobilienhaie im Verborgenen betrieben worden war: Ein 150 Hektar umfassendes Areal um Grasbrook- und Sandtorhafen zwischen der historischen. Speicherstadt und den Elbbrücken soll der Innenstadtentwicklung zur Verfügung gestellt werden - ein Gebiet, das unmittelbar an die. Innenstadt angrenzt und nur wenig mehr als einen Kilometer von Hauptbahnhof und Rathaus entfernt liegt.

(...)

Im Konflikt zwischen Hoffnung auf hohe Gewinne und auf einen attraktiven Stadtteil kann Letzterer leicht auf der Strecke. bleiben. Bedarf die nichts sagende "metropole Mischung aus Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus, Handel und Gewerbe" doch der Investoren, und die sind immer noch am einfachsten zu finden, wenn eine ordentliche Rendite winkt. Die 12 000 Einwohner aber brauchen Schulen und Kindergärten, nicht ein neues Kreuzfahrtterminal oder noch ein Musicaltheater. Und sie brauchen schon gar kein "Urban Entertainment. Center",' mit dem eine absurde eigene "Kunst-Stadt in der Stadt" gebaut würde.

(...)

Man muss befürchten, dass der neue Stadtteil zur Beliebigkeit aus Investorengnaden gerinnt. (...)

Hamburgs einzige Chance, als Stadt zu bestehen, liegt in der Entwicklung des Viertels als Wohnviertel. Das schließt andere Nutzungen nicht aus. Aber der Charakter des Quartiers wäre damit eindeutig definiert (...).

Sicher, die Chance auf eine attraktive Zukunftsstadt am Wasser in Hamburg besteht noch immer. Aber die notwendige Offenheit einer auf dreißig oder fünfzig Jahre berechneten Stadtentwicklung lässt leider auch eine positive Entwicklung offen erscheinen. Sollten letztlich die Schwarzseher wieder Recht behalten, bleibt wenigstens ein Trost: Auch eine Stadt der Kaufleute kann die Lage des neuen Viertels mit seiner Musik aus Dampfertuten und Möwengeschrei nicht kaputtkriegen.“

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Gert Kähler: Holländische Spaßarchitektur an den Elbbrücken; Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.11.1999, S. 54

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