Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Kommentar nach Veröffentlichung des Projekts "HafenCity"

Gert Kähler, 1997

 

„Das hat es in Hamburg lange nicht gegeben, dass ein Geheimprojekt tatsächlich geheim blieb - über mehrere Jahre! Dass man Politik machte, ohne damit an die Öffentlichkeit zu treten, um der Öffentlichkeit Kosten zu ersparen! Dass man allerdings auch Weichen stellte für eine zukünftige Entwicklung der Stadt, ohne deren Bürger zu informieren, geschweige denn sie zu fragen!

Jetzt ist die Katze aus dem Sack, sämtliche Hamburger Medien jubeln, und erst sehr vorsichtig werden die ersten Bedenkenträger laut - ein Beruf, der an sich in Hamburg professionelle Qualität hat und in der Regel dazu führt, dass Projekte erst geboren, dann zerredet und schließlich nur unter ökonomischen Gesichtspunkten abgewickelt werden; die Begriffe „Hamburg“ und „Vision“ sind halt nur schwer zusammenzubringen.

Dabei hat der Vorschlag für eine zukünftige Erweiterung der Innenstadt - denn darum geht es bei all‘ der Aufregung - durchaus historische Dimensionen, die den Jubel rechtfertigen können - mit dem Ton auf „können“: Ein Stadtgebiet, das vor 110 Jahren dem Hafen zugeschlagen worden war, wird jetzt der Stadt zurückgegeben - die Bezeichnung „Jahrhundertprojekt“ ist da durchaus angemessen.

Damals, um 1880, zwang die Politik in der Person des eisernen Reichskanzlers Bismarck Hamburg in das Zollinland des Deutschen Reiches, was Hamburgs wirtschaftliche Stellung als Hafenumschlagplatz bedrohte. Deshalb wurde die Speicherstadt auf dem Gelände des südlichen Innenstadtringes um den Binnenhafen gebaut - noch heute das größte zusammenhängende Speichergebiet der Welt, vor allem aber Hamburgs charakteristischstes Baudenkmal, seitdem es vor einigen Jahren unter Schutz gestellt wurde - übrigens gegen den Willen des Ersten Bürgermeisters. 24 000 Menschen wurden seinerzeit aus dem Gebiet vertrieben, ohne dass sich jemand groß Gedanken gemacht hätte, wohin sie, die meist Hafenarbeiter waren, umsiedeln sollten.

In Hamburg zählt eben die kaufmännische Überlegung, was ja nicht falsch zu sein braucht, wenn die volkswirtschaftliche Rechnung korrekt aufgemacht wird. Im heutigen kollektiven Bewusstsein der Bürger steht jedenfalls der Erhalt der Speicherstadt an erster Stelle, nicht etwa die Rückführung der Nachkommen von 24 000 Umgesiedelten...

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Gert Kähler: Vom Hafenrand zum Stadtzentrum, in: Bauwelt 22/97, S. 1242

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