Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Die Gefährdung des Gartenreichs durch den Tourismus

Ludwig Trauzettel, 1997

 

„Als Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1764-1817) im Frühjahr 1800 inmitten des Wörlitzer Schochschen Gartens den Warnungsaltar errichten ließ, tat er das einerseits im Gedächtnis an seinen verstorbenen Mithelfer, Berater und Freund Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736-1800). Andererseits zeugt die eingemeißelte Inschrift "WANDERER, ACHTE NATUR UND KUNST UND SCHONE IHRER WERKE" von der Sorge des Fürsten um die Erhaltung und das Weiterleben des Gesamtkunstwerkes, mit dem der Fürst auf der Gesamtfläche seines kleinen Fürstentums eine humanistisch-pädagogische und für jedermann nutzbare und zugängliche Landesverschönerung hatte initiieren wollen. Für die heutigen Pfleger der Anlagen ist dieses Monument Verpflichtung, dem Nutzer die Natur und Kunst der aufgeklärten Entstehungszeit nahe zu bringen.

(...)

Die zahlreichen Touristen, deren Anzahl sich durch den im Dessau- Wörlitzer Raum vorgesehenen Korrespondenzstandort der EXPO 2000 noch vervielfachen wird (man schätzt während der Weltausstellung täglich etwa 40 000 Gäste), führen zu einer schrittweisen Veränderung der ursprünglichen Situation und zu einem Verlust an noch vorhandener historischer Substanz. Besonders sprunghaft war dieser allmähliche Wandel seit der politischen Wende nach 1989 zu beobachten, die für die historischen Anlagen mit einem (erneuten) Wechsel des Verhaltens der Anreisenden verbunden war sowie einen Wandel der Bedürfnisse und die Verschlechterung der Disziplin der Besucher erkennen ließ. Sowohl Veränderungen in der Art der Pflege als auch der Nutzung waren die Folge. Die Gartenanlagen werden seither noch stärker beansprucht, die Bauwerke (wohl aufgrund der gestiegenen Eintrittskosten) geringer, was den Fortschritt des Verschleißes an Substanz geringfügig vermindert. Zusätzliche Papierkörbe, Beschilderungen, neue Pflegetechnik, Werbemaßnahmen, Ver- und Entsorgungseinrichtungen und der ruhende Verkehr beeinflussen das Erscheinungsbild der Parkanlagen und ihrer Umgebung.

(...)

In den Gärten selbst kann in ästhetischer Hinsicht kaum auf die aktuellen Bestimmungen Rücksicht genommen werden, obwohl auch hier aktuelle Bedürfnisse und Notwendigkeiten das Erscheinungsbild wiederholt beeinträchtigt haben. Eine Durchsetzung der heutigen Bauordnung, die die Erbauer im 18. Jahrhundert leider nicht kannten, würde einer Beseitigung der Denkmalsubstanz gleichkommen; ginge es nach den Bestimmungen, müssten beispielsweise allein in den Wörlitzer Anlagen die Geländerhöhen von 9 Brücken geändert werden und einzelne Wörlitzer Gartenbereiche, wie die Luisenklippe, der Eisenhart und der Zedernberg für den Besucherverkehr gesperrt werden. Der Nachbau der Eisernen Brücke von Coalbrookdale hat heute noch die ursprüngliche Geländerhöhe von 22 cm, weil das englische Original vor 200 Jahren in Wörlitz im Verhältnis 4: 1 kopiert wurde.

(...)

Das sich am stärksten negativ auswirkende Ergebnis dieser Veränderungen ist aber, dass die Masse von Menschen an Wochenenden durch ihre Ansammlung selbst nicht den Eindruck erkennen lässt, den die Wörlitzer Anlagen als künstlich und künstlerisch gestaltete Natur erzeugen wollen bzw. sollen. Die einmaligen Gärten sind wunderschön, wenn man sie so erleben kann, wie sie gedacht sind: als ruhiger Ort der Zurückgezogenheit, welcher Stimmungen anregen soll, wo Landschaft und Natur oder Tages- und Jahreszeiten zu erleben sind. Man soll sich hier bilden können und die Nützlichkeit des Schönen spüren, Acker-, Obstbau und Weidenutzung sollen diese Wirkung verstärken. Das alles ist inmitten des Massentourismus kaum zu erahnen. Die Natur mit ihren Vogelstimmen ist im Lärm der Besucher nicht zu hören, der Duft der Blüten und des frischen oder trocknenden Grases zwischen schwitzenden oder parfümierten Gästen nicht zu riechen. Der Spaziergänger blickt zu Boden, um dem Vordermann nicht auf die Füße zu treten, an Brücken oder Bauwerken muss man anstehen, die Wege verbreitern sich automatisch. Die weiten Blickachsen sind nicht selten durch den Vordermann verstellt. Der Verlauf der sensiblen Linienführung der Wege ist nur schwer zu erhalten, weil die "busstarken" Besuchergruppen die Innenkurven der ursprünglich schmalen Wege immer mehr austreten, während der Außenbogen mitunter zuwächst. Sonderveranstaltungen, Ausstellungen und Konzerte ziehen zusätzliche Besuchermassen an und die damit verbundenen Orientierungs- und Werbehilfen beeinflussen auch das Erscheinungsbild und die historische Struktur. Dazu kommt, dass zu solcherlei Anlässen kaum auf die vorgegebene Wegeeingrenzung geachtet werden kann und die Vegetationsflächen darunter leiden. Auch, wenn die Vegetation mitunter nach einiger Zeit wieder nachwächst, beeinflusst die nachhaltige Bodenverdichtung die Pflanzenartenzusammensetzung und das Wachstum. Trampelpfade entstehen oft an einem einzigen Wochenende und sind erst in wochenlanger Arbeit und durch Absperrmaßnahmen wieder zu beseitigen. Auch außerhalb der so genannten Saison, in welcher das Schloss, das Gotische Haus und wechselnde Sonderausstellungen zu besichtigen sind, genießen die Anlagen keine Schonung mehr. Die stärksten Schäden entstehen im Winter, wenn die Gewässerränder von tausenden Schlittschuhläufern planiert und entkrautet werden und Schlittenkufen die Geländeprofile, Grasnarben und Uferränder vernichten.

(...)

Zerstörungen und Schmierereien waren noch vor 5 Jahren in Wörlitz äußerst selten; auch heute halten sich diese wegen der doch größeren Entfernung zur 90 000 Einwohner-Stadt Dessau und des relativ geringen kriminellen Potentials noch in Grenzen. Zugenommen haben Brandstiftungen im Altbaumbestand, hohle Bäume wurden wiederholt angezündet. Auch Bänke, Papierkörbe und sonstige Ausstattungen werden umgestellt oder in den verschiedenen Gewässerflächen versenkt. In den Anlagen von Dessau selbst sind die mutwillig verursachten Schäden, Verunreinigungen und Belästigungen stärker zu beobachten. Aber auch im Oranienbaumer Park wird durch die direkte Nachbarschaft des Gartens zu den drei Schulen der Stadt und durch das Fehlen von alternativen Freizeitangeboten für die Jugend die Phantasie und der Ideenreichtum am historischen Kulturerbe -leider nicht in der richtigen Art - erprobt. In Zusammenhang mit der touristischen Erschließung des Gebietes von Dessau-Wörlitz müssen diese fehlenden Freizeitangebote - auch für die touristischen Bedürfnisse - weiter ausgebaut werden, da nur auf diese Weise Erholungssuchende für mehrere Tage in das Gebiet zu locken sind. Die zusätzlichen touristischen Angebote dürfen aber nicht flächenidentisch mit den kulturhistorisch wertvollen Denkmalbereichen sein. Da Dessau-Wörlitz wirklich einmalig und von europäischem Rang ist, muss es in seiner ursprünglichen Konzeption erhalten bzw. restauriert werden. Der Zugang soll immer frei und ohne Zaun sein, aber jeder muss sich an die Bedingungen halten, die die zu erhaltende Anlage in ihrer ursprünglichen Wirksamkeit erfordert. Die weiteren Erholungsangebote sind nicht in die ohnehin bereits stark frequentierten Wörlitzer Anlagen einzuordnen, das Gartenreich und die Landschaft zwischen Wittenberg und Dessau (bzw. zwischen Luther und dem Bauhaus) bietet auch dafür ausreichend Möglichkeiten.

(...)

Weder die Besucher als Nutzer, noch die Mehrheit der kommunalen Planer und Politiker haben das Gartendenkmal bisher als ein der Bau- und bildenden Kunst ebenbürtiges Kunstwerk begriffen und als solches zu würdigen gelernt. Den Kunstwerken der Malerei bleibt der Uninteressierte fern, er geht nicht ins Museum. Niemandem würde es einfallen, ein durch Pilze und Holzwürmer zerstörtes Gemälde als Biotop zu bewahren und zu schützen. Keiner würde an einem Rubensgemälde zeitgemäße Änderungen anbringen oder etwa dem Bauhaus oder dem Dresdner Zwinger eine der heutigen Architekturauffassung entsprechende Fassade vorhängen und die Architektur der heutigen Nutzung anpassen. Bei einem Gartenkunstwerk, das ja ohnehin den Veränderungen durch das Wachstum unterworfen ist, soll das plötzlich möglich sein. Wir Gartendenkmalpfleger müssen uns dagegen verwahren und das einmalige, seit seiner Entstehung noch erhaltene Kulturerbe davor schützen. Wie es Fürst Franz bereits formulierte: "ACHTE NATUR UND KUNST UND SCHONE IHRER WERKE."

_______________________________________________________________

Ludwig Trauzettel: Gartennutzung durch Tourismus. In: Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (Hg.): Historische Parks und Gärten. Bonn 1997, S. 61 ff

Architektensuche

Finden Sie für Ihr Bauvorhaben
das passende Architekturbüro.
Zur Suche