Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

„Die Rheinthematik und -symbolik als ein Aspekt des «Kollektivbewusstseins» hat in Deutschland wie in Frankreich die Diskurse geprägt - z.T. in sehr gegensätzlicher Weise. Da die Symbolik im Rahmen des jeweiligen «Kollektivbewusstseins» dazu verwendet wurde, die nationale Differenz im Verhältnis zum Nachbarn jenseits des Rheins und zugleich auch die eigene nationale Identität zu unterstreichen, gehört zu dem «Vielen», was im 19. Jh. «zusammenkam», leider auch, dass Deutsche und Franzosen nicht «zusammenkamen», und dass sie am Rhein (und weitgehend auch in der politischen Rheinlyrik) nicht aufeinander zu, sondern aufeinander los gingen.

Heinrich Heine, der seit 1831 in Paris lebte, ließ sich in seiner Auseinandersetzung mit dieser Thematik von keiner Seite vereinnahmen, versuchte vielmehr zu vermitteln und formulierte zugleich eine europäische Perspektive: 1844 schrieb er in seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermährchen: «Die Jungfer Europa ist verlobt/ Mit dem schönen Geniusse / Der Freyheit, sie liegen einander im Arm,/ Und schwelgen im ersten Kusse». Eine solche «europäische Perspektive» war damals allerdings utopisch, und nach 1870/71 wurde sie völlig illusorisch, denn es entwickelte sich diesseits und jenseits des Rheins ein «Chauvinismus, der sich in zwei Weltkriegen entladen sollte». - Für diese Entwicklung des Chauvinismus ist auch der «Blick der Dichter» mitverantwortlich.

(...)

Gerade angesichts der vielfältigen deutsch-französischen Spannungen setzte Heine zwar auf eine «europäischen Perspektive», aber er machte diesbezüglich weder sich noch seinen Lesern etwas vor: im Vorwort zum Wintermährchen geht er konkret auf jene so genannte Rheinkrise von 1840 ein, welche viele politische Gedichte und Lieder hervorbrachte, die alle auf ihre Art als Beispiele für die Thematik «Differenz und Identität» verwendet werden könnten. Die meisten davon erschienen in Deutschland, wo 1840 erneute französische Ansprüche auf das linke Rheinufer den literarischen Nobody Nikolaus Becker (1809-1845) zu jenem Gedicht „Der deutsche Rhein“ inspirierten, das in Deutschland überaus schnell bekannt und «par force zum Volksliede gemacht» wurde. Die Eingangsverse dieses Textes

Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,

(...) werden in zahlreichen Texten anderer dichtender Zeitgenossen Beckers zitiert: bei den einen affirmativ, bei den anderen mit kritischer Tendenz.“

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Ernst-Ullrich Pinkert

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