Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zum Museumsneubau in Kalkriese

Klaus-Dieter Weiss, 1995

 

„Wie es in Zeiten leerer Kassen um ein Museum wirklich steht, verrät ganz banal der Name des Architekten, den es sich für Neubau oder Erweiterung noch leisten kann. Zur internationalen Elite der Museumsarchitekten gehören Annette Gigon und Mike Guyer seit ihrem Kirchner Museum in Davos. Zwar setzen die Architekten auf eine signifikante architektonische Erscheinung. Guggenheim-Konzept und Bilbao-Effekt werden dennoch in ihre Schranken verwiesen, zugunsten von intensiven, aber schlichten und unaufgeregten Formen, Räumen und Materialien. Diese Kargheit, die die Aura der Exponate achtet, ist zwangsläufig unvereinbar mit einer rein ökonomischen Zielsetzung, die das Museum als Lifestyle-Zentrum, Quasi-Marktplatz und Event-Maschine missversteht.

„Mit dem archäologischen Museumspark Kalkriese hat die Varusschlacht nach 700 Fehlversuchen ihren authentischen Ort im Osnabrücker Land gefunden. Das ungefähr 5828. deutsche Museum macht durch kunstvoll gefügte, ebenmäßig rostende, wetterfeste Stahlplatten auf sich aufmerksam. Ein über 40 m hoher, luftiger Aussichtsturm mit aufgeständertem eingeschossigem Langhaus und drei kleine Pavillons mit eigenwillig-sinnlichen Landschaftsbezügen verteilen sich als minimalistische Kuben über ein Schlachtgelände, auf dem vor etwa 2000 Jahren zwischen zehn- und zwanzigtausend römische Legionäre ihr Leben ließen. Ob sich die Schweizer Architekten manchmal fragen, was geworden wäre, wenn die berühmte Schlacht im Jahre 9 n. Chr. einen anderen Verlauf genommen hätte? Wenn nicht Hermann der Cherusker gesiegt hätte, sondern eben jener vertrauensselige Publius Quinctilius Varus, der dem Ort weitab von Teutoburger Wald und deplaziertem Hermannsdenkmal als Opfer seinen Namen gibt? Im Animationsfilm der Ausstellung tauscht Schauspieler Matthias Habich als fiktiver Ermittler Stahnke am Ende des “Tatorts” seinen Golf gegen einen Fiat, eine etwas alberne Wendung. Trotzdem ist die Fragestellung verlockend. Wahrscheinlich wäre die deutsche Baukultur eine andere: ein wenig römischer, urbaner und konsequenter. Vor allem würde der grandiose Entwurf der museumserfahrenen, unter Kennern hoch geschätzten Architekten, die angesichts des kniffligen Themas mit Architektur und Ausstellungspark nicht weniger als eine schlüssige Symbolsprache lieferten, auf breiteres Verständnis stoßen.“

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Klaus-Dieter Weiss in: Architektenkammer Niedersachsen (Hg.): Architektur in Niedersachsen 2005. Hamburg 2005, S. 114

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