Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zum Museumspark Kalkriese

Ingrid Noseda, 2001

 

„In einem Stück offener Landschaft hat die Gründungsgeschichte der deutschen Nation ihren authentischen Ort gefunden; mit dem archäologischen Museumspark Kalkriese ist dieser Ort der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Ein blutiges Schlachtfeld ist es, überlagert von einem guten Meter Humus, dessen Geschichte es zu visualisieren und zu interpretieren galt. Das nun weitgehend realisierte Gestaltungskonzept, das ebenso sehr die Sinne wie den Verstand anspricht, schafft die Voraussetzungen für eine kritische Rezeption der deutschen Mythologie. Landschaftsarchitektur, Architektur und Museumsdidaktik gehen eine unverbrüchliche Verbindung ein und begründen einen neuen Typ archäologisches Museum.

(...)

Im Zentrum des Projekts steht der authentische Ort; der Landschaftsarchitektur kommt deshalb zentrale Bedeutung zu. Ihr Part ist es, die im wahrsten Sinne des Wortes unter der heutigen Landschaft verborgen liegende Geschichte der Varusschlacht gleichsam an die Oberfläche zu holen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Landschaftsgestaltung ist zuständig für die Veranschaulichung vor Ort. Die Architektur dagegen schafft mit den Pavillons und dem Museum Orte der Reflexion und der Verarbeitung des Geschauten, Orte der Wissensvermittlung, der Präsentation der Fundstücke und deren Aufschlüsselung auf dem Hintergrund des heutigen Forschungsstandes. Auf diese Weise bedingen und ergänzen sich Architektur und Landschaftsgestaltung untrennbar. Gescheit ist das angelegt, wunderbar poetisch und bestechend rational: Das Empfinden stimuliert den Verstand, der Verstand steigert die Empfindung und nuanciert die Empfindsamkeit. Die Schlüssigkeit des Projekts besteht gerade in diesem fast symbiotischen Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Rationalität, das auf den verschiedenen Ebenen funktioniert.

Es lassen sich verschiedene Grundsätze ausmachen, die dem ungewöhnlichen Projekt seinen überzeugenden Zusammenhalt verleihen:

- Der Museumspark behält den Charakter eines offenen Stücks Landschaft bei und bringt damit zur Darstellung, dass der Park nur Teil eines größeren Ganzen ist. Das historische Schlachtgeschehen spielte sich auf einem Landstrich von zirka 15 Kilometern Länge ab.

- Der Ort wird möglichst wenig verletzt. Für die Architektur bedeutet dies, dass sie den historischen, fundträchtigen Boden nur punktuell berühren darf; alle Bauten stehen auf Stützen. Die Weganlagen sind reversible Überlagerungen.

- Das martialische Geschehen wird nicht nachgestellt. Stattdessen soll das Vorstellungsvermögen stimuliert werden. Das geschieht mittels ungegenständlichen Zeichensetzungen. Eine Ausnahme bildet die naturalistische Rekonstruktion eines Stücks Wall, dem einzigen Element, das sich archäologisch gesichert nachbilden lässt.

- Damit die Interventionen in der offenen Landschaft nicht verloren gehen und als Ganzes lesbar werden, sind die Mittel der Visualisierung sehr einheitlich; sie sind abstrakt und bilden dadurch einen Kontrapunkt zur Natur. Das Material ist rostender Stahl.

- Die Materialien und Elemente der Zeichensetzung sind der zeitgenössischen Zivilisation entlehnt: handelsübliche vorfabrizierte Elemente wie Eisenstangen, Spundwände und Stahlplatten. Mit rostenden Stahlplatten sind auch alle Baukörper verkleidet. Verschiedenste Oberflächenbehandlungen erlauben die Adaptation des Werkstoffes für die unterschiedlichen Aufgaben. So kommen im Museumsinnern für die Böden rohes Chromstahlblech, im Ausstellungssaal Schwarzblech, in der Halle gebeiztes Stahlblech zur Anwendung.

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Nachwort zum Zwang zur Wirtschaftlichkeit
Zu den Grundsätzen des Konzepts gehört die offene Landschaft und die freie Zugänglichkeit des Geländes. Dieses Prinzip wird nun fallen gelassen, Eintrittspreise sollen helfen, die Betriebs- und Unterhaltskosten zu decken. Als Folge davon muss das Gelände umzäunt werden. Kasse und Museumsshop werden in einem bestehenden Gehöft eingerichtet. Hier ist künftig der Hauptzugang. Die vorgesehene promenade architecturale durch das ‚Museumstor’ und damit die enge Verbindung von Architektur und Begehung des Ortes fallen weg. Wo Eintrittspreise erhoben werden, wird ein Event erwartet, oft missverstanden als kulturell kaschierter Klamauk - das Gegenteil eines museologischen Konzeptes, das Denk- und Erkennungsprozesse in Gang setzen will, das Imagination verlangt und offen bleibende Fragen bewusst in Kauf nimmt. Mit populistischen Angeboten (wie der Rekonstruktion eines germanischen Grubenhauses direkt neben dem Museum!) wird an den Architekten und der Konservatorin vorbei agiert. Leicht könnte der Code der Lektüre der Landschaft und der Zeichensetzungen zerstört und damit das intellektuelle und zugleich die Sinne einbeziehende Konzept beeinträchtigt werden.“

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Ingrid Noseda: Dem authentischen Ort Gestalt geben. In: werk, bauen + wohnen 11/01, S. 8 ff

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