Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über den Palast der Republik

Manfred Sack, 1993

 

"Doch so unausstehlich, wie der (sehr berechtigte) Zorn auf das SED-Regime es vielen nahe legt, ist der Palast nicht. Man erkennt in ihm den Versuch, es architektonisch mit dem Konkurrenzstaat West aufzunehmen (besser: ihm nachzulaufen), aber auch einen, dem Phantom der ‚sozialistischen Stadt’ und der Berliner leeren Mitte einen neuen, erstaunlich anderen Inhalt zu geben. So lässt der Bau mit seiner Fassade zwar leicht an irgendein ehrgeiziges Westkaufbaus denken, doch er war etwas ganz anderes: ein überraschend vielfältiger, öffentlicher Gebrauchsgegenstand von großem kulturellen und hauptstädtischen Anspruch. Seine drei wichtigsten Teile sind der riesige, mit äußerstem technischen Raffinement zu verkleinernde Saal am einen Ende, war die Volkskammer (in der immerhin die deutsche Vereinigung beschlossen worden ist) am anderen, schließlich das ausladende Stadtfoyer dazwischen, eine große verglaste Loggia, ein (künstlich beleuchteter) Lichthof, wie ihn die Warenhäuser des 19. Jahrhunderts sich noch geleistet hatten, ein wirklich öffentlicher, wenngleich von manchen etwas verlegen genutzter Raum. Rings um ihn gab es ein kleines Theater, gab es Restaurants und Cafes, auch Läden, Bars, Kioske, eine Theaterkasse, eine Post. Der Palast war ein populäres, offenes Haus - und allem westlichen Hochmut trotzend tatsächlich so etwas wie ein ‚Volkshaus’. In welchem Land sonst gab es diese traumhafte Nachbarschaft von Politik und Großstadtleben, von Abgeordneten und ihren Wählern, dem Souverän? Nirgendwo. Also muss man die historische Institution pflegen, selbst wenn die Politiker wenig Neigung zeigen sollten, sich hier unter die Leute zu mischen.

Seit seiner Eröffnung am 24. April 1976 hatte der Palast der Republik siebzig Millionen Besucher. Es gab darin jährlich tausend Konzerte, Fernsehveranstaltungen, Shows. Die Bilanz nennt 92 Prozent kulturelle, nur 8 Prozent politische Ereignisse. Und genau dies, die Idee des ‚Volkshauses’ von kulturellem Anspruch, sollte die zündende Idee für die Wiederbelebung des historischen Zentrums von Berlin sein, das, was der Regierende Bürgermeister verächtlich eine ‚populistische Lösung’ nennt. Eine solche metropolitane Vielfalt ist hier schon deswegen notwendig (und seit das Schloss beseitigt worden ist, auch wieder möglich), weil den nördlichen Teil der Spreeinsel die Museumsinsel bildet, weil auf dem südlichen wenigstens zwei große Ministerien (das Innen- und das Außenministerium) angesiedelt werden sollen. Wie angenehm, dass der Bundespräsident doch nicht ins Kronprinzenpalais, sondern in sein Schloss Bellevue ziehen wird - wohl nicht zuletzt, um den innerstädtischen Organismus nicht monofunktional zu blockieren und in eine nahezu geschlossene Sicherheitszone zu verwandeln.

Mit der Idee des offenen Hauses für alle sollte auch das zukünftige Programm entwickelt werden: für die städtebauliche und architektonische Erneuerung der Spreeinsel an dieser Stelle - und hoffentlich unter der für die IBA erprobten Devise der "kritischen Rekonstruktion des Stadtgrundrisses"; denn die schlösse die automatische Replik des Schlosses und seine Stadt begrabende, seine Stadtraum vernichtende Baumasse aus."

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Manfred Sack: Furcht vor geschlossenen Veranstaltungen. In: Bauwelt 23/93, S. 1215 f

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