Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über das historische Schloss

Margarete Kühn, 1984

 

„Die Pläne für das Schloss wurden schon zu realisieren begonnen, bevor die erstrebte Königswürde staatsrechtlich vom Deutschen Kaiser anerkannt war: die Fensterverdachung des Paradegeschosses der zuerst in Angriff genommenen Schlossplatzfassade schmücken noch die Signa des Kurfürsten. (...) Erst die Lustgartenfront erhielt die Zeichen der königlichen Würde. Die staatsrechtliche Anerkennung der Königswürde gestattete dann auch die entsprechende neue Ausbildung des politisch so wichtigen Zeremoniells. Der österreichische Präsident v. Heems wies in seinen Berichten an den Wiener Hof wiederholt auf das offenbar nicht leicht zu bewältigende Problem hin und schrieb, dass man das dänische Zeremoniell von 1665 einführen und dadurch mit den anderen europäischen Mächten ‚gleichziehen’ woIle.

Die Gesamtanlage des Schlüterschen Schlosses war durch die überkommenen Bauten, vor allem durch das Renaissanceschloss Joachims II. bedingt, und mit den vor seiner Übernahme des Baues schon begonnenen, biographisch nicht bestimmbaren Umbauten hatte das Innere bereits eine neue großzügige Raumdisposition erhalten. Wie sich Schlüter auf Grund dieser Gegebenheiten das Schloss vorstellte, zeigt deutlich sein in Stichen überliefertes Modell: es ist ein flach gedeckter kubischer Vierflügelbau, in den die eingeschossige Erhöhung der alten Erasmuskapelle harmonisch eingebunden ist. Dieser Entwurf ist jedoch nicht vollständig zur Ausführung gelangt. Der Lynarsche Trakt an der Westseite des Hofes ist stehen geblieben, und der Spreeflügel zeigt nach der Flussseite noch sein jahrhundertealtes Wachstum. Doch ist das Schloss allemal in seiner wesentlichen architektonischen Erscheinung und seiner raumkünstlerischen Ausgestaltung durch Schlüter klar und charaktervoll geprägt.

Die Schlossplatzfassade beherrscht das mächtige Portalrisalit mit der Kolossalordnung seiner Freisäulen, die durch ihre statuarische Wucht beeindrucken. (...) Zu den seitlichen runden Erkervorsprüngen, welche die Fassade reizvoll beleben und zugleich proportional klar begrenzen, hatte ihn der Renaissancebau Joachims II. angeregt. An der dem Lustgarten zugewandten Front ist die Kolossalordnung sinngemäß auf eine dreigeschossige Pilasterordnung reduziert. In dem architektonischen System der Fassadenrücklagen der Fronten folgt der Bau der Typologie des italienischen Palastes und verbleibt damit in der Bahn allgemeiner Legitimität.

(...)

Der innere Hof war vor Schlüters Übernahme der Bauleitung im November 1699, abgesehen von dem Lynarschen Quergebäude, mit einer sicherlich von Berninis großartigem Louvreentwurf angeregten Kolossalordnung umgeben, wobei die Frage des entwerfenden Architekten offen bleiben muss.“

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Margarete Kühn: Das Berliner Schloss Andreas Schlüters - eine Metropole in der europäischen Kulturlandschaft. In: Karl Schwarz (Hrsg. im Auftrag der TU Berlin): Die Zukunft der Metropolen: Paris London New York Berlin. Dietrich Reimer V. Berlin 1984, Bd. 1, S. 227 ff

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